Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt Thomas Vinterbergs Familiendrama „Fest und Begräbnis“

Hier kann niemand entkommen

Aufgereiht im Familiensystem: Paula Hans (Pia, von links), Meinolf Steiner (Christian), Daniel Schröder (Gbatokai), Andrea Strube (Helene), Ronny Thalmeyer (Helmut, im Hintergrund), Gerd Peiser (Großvater), Paul Wenning (Helge Hansen), Angelika Fornell (Else Klingenfeldt-Hansen) und Andreas Jeßing (Michael). Foto:  Winarsch

Göttingen. Mutter Else probt den verbindlichen Gesichtsausdruck. Die Hände adrett ineinandergelegt, die Lippen zum freundlichen Lächeln verzogen. Zum 60. Geburtstag des Vaters Helge trifft die Familie ein, und die unterschwellige Spannung ist von Anfang an greifbar. Ist die Welt bitte heil? Umarmt man sich? Oder muss Vaters joviale Fröhlichkeit kleine Unsicherheiten wegdröhnen? „Ich muss dir was Wichtiges sagen: Sitzen zwei Nutten im Zug ...“

Eine Familie stellt sich auf. Auf der fast leeren Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen nehmen Vater, Mutter, Opa, drei erwachsene Kinder, Enkel und Lebenspartner ihre Positionen ein. Sie bilden ein mächtiges Geflecht von Verstrickungen, dem man nicht entkommen kann. Auch als Zuschauer nicht, wie sich schnell herausstellt.

Denn Matthias Kaschig inszeniert Thomas Vinterbergs Filmklassiker „Fest“ und dessen theatrale Fortsetzung „Begräbnis“ als beklemmende Studie von Gewalt und Verdrängung in einem System, das sich selbst erhält - auch wenn es seine Mitglieder vernichtet. Mit schnellen Szenenwechseln, hoher schauspielerischer Ensembleleistung und in dramaturgisch gelungener Verknappung entfaltet sich das Familienfest, das Sohn Christian (Meinolf Steiner) mit einer Ansprache aus der Fassung bringt, in der er seinen Vater anklagt, ihn und seine Zwillingsschwester als Kinder sexuell missbraucht zu haben.

Paul Wenning scheint als Vater Helge innerlich zu versteinern, sobald er begreift, worauf die Rede abzielt. Nur kurz entgleisen seine Gesichtszüge, die ach so lockere Körperhaltung scheint einzufrieren. Nur nichts anmerken lassen.

Wie geht es weiter, wenn das Familiensystem derart erschüttert wird? Sehr genau arbeitet das Ensemble heraus, wie Erleichterung über das Aussprechen der schlimmen Wahrheit und der dringende Wunsch des Vertuschens nun wechselweise die Oberhand gewinnen. Ist das wahr? Ja, alle wussten es. Aber vielleicht ist Christian auch nur krank im Kopf. Meinolf Steiner ragt aus der hohen darstellerischen Gesamtleistung heraus, sein Christian ist mit zauseligem Haar und jungenhafter Körpersprache nicht stark, sondern dauernd kurz davor, alles zurückzunehmen. Springt wütend wie ein Stehaufmännchen in die Bresche und knickt kleidernestelnd ein, weil sein Selbstbewusstsein früh zerbrochen wurde.

„Was du von deinem Sohn erwartest, übe im Dienst am Vater“ steht als schnörkeliger Sinnspruch über der Bühne (Ausstattung: Mascha Mazur) - wird aber erst im Ganzen sichtbar, wenn der Doppelabend in seine zweite Hälfte geht. Das Begräbnis des Patriarchen ist nach Jahren das erste Mal, dass sich die Familie wiedersieht. Mutter Else (Angelika Fornell) probt mit schwarzer Stola überm petrolfarbenen Etuikleid wieder den verbindlichen Gesichtsausdruck. Doch dann vergreift sich Christian am Sohn seines Bruders. Und wenn schockhaft deutlich wird, dass der Missbrauch in der nächsten Generation weitergeht, hat der viel beklatschte Abend seine einzige Schwäche. In all der gelungenen Verknappung ist das nämlich zu aus-erzählt, zu pädagogisierend.

Das Ensemble - auch mit Andrea Strube, Gaby Dey, Ronny Thalmeyer, Gerd Peiser, Andreas Jeßing, Paula Hans, Vanessa Czapla und Daniel Schröder - geht kaum je von der Bühne ab. Wer nicht spricht, steht hinten, teils mit abgewandtem Körper oder Kopf: Alle sind und bleiben im System.

Wieder am 18., 21.10., Karten: 0561-496911.

Von Bettina Fraschke

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