Poetry Slammer Volker Strübing las: Hier, Schatz, Fleischsalat

Kassel. 100 Wörter pro Minute müssten zu schaffen sein, hat er mal in einem Interview verraten. Schnell-Sprechen gehört zu diesem Hochgeschwindigkeits-Performer, der in der Buchhandlung am Bebelplatz in der Reihe „Junge Literatur“ seine Geschichten vorlas.

Volker Strübing, Star der Poetry-Slam-Szene, wühlt in einem Stapel Papiere, die er auf dem Pult aufgehäuft hat, und entscheidet spontan, was er lesen will: „Dazu habe ich jetzt Lust“, lächelt er gewinnend.

Der Berliner mit Ossi-Biografie ist gerade 39 geworden. Wie wird man 39? Na ja, Strübing fährt mit seiner Freundin nach Marzahn und zeigt ihr die Plattenbauten, in denen er aufgewachsen ist, hinter jedem Fenster eine Geschichte. Aber die Freundin will immer nur „Nazis sehen“. Strübing, ein genauer Beobachter, spielt virtuos mit Klischees und allzu Menschlichem, erzählt von Anti-Helden in großen Städten und den ewigen Missverständnissen zwischen Mann und Frau: Sie will den Drei-Worte-Satz hören, aber er kauft ihr Fleischsalat. Weil sie Fleischsalat liebt und er ihn hasst, selbstlos muss die Liebe sein. „Hier, Schatz, Fleischsalat.“

Strübing springt in die Geschichten hinein, Texte mit und ohne Titel, hintersinnig und bitterbös. Die neueste Kurzgeschichte: Eine waghalsige Vorlesung darüber, wie man mit Walfett Biodiesel erzeugen kann, „kein Wald muss mehr dafür sterben“. Schwärzer geht es nicht. Wenn Strübing rasend schnell erzählt, wie er einen Plapper-Tsunami der schwatzenden Berta im Zugabteil über sich ergehen lassen muss, die Herrschaft der Maschinen und Computer über den Menschen beklagt und darüber räsoniert, dass „Menschen hässliche Städte haben wollen“, sind das humorvolle Bestandsaufnahmen unserer immer schneller werdenden Welt. Modern, gnadenlos und effektiv. Alles selbst erlebt, versichert Strübing, „denn Geschichten schreiben dauert lang, da kann man sie nicht auch noch erfinden“.

Von Juliane Sattler

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