Juliane Gallo, neue Kulturreferentin im Augustinum, bringt viele Ideen mit

„Hier spielt das Leben“

Offen für Besucher auch von außerhalb: Juliane Gallo verantwortet seit vier Monaten das Kulturprogramm im Augustinum - vom Vortrag bis zum Jazzkonzert mit Cocktailbar. Foto: von Busse

Kassel. „Wissbegierde hört nicht auf“, staunt Juliane Gallo. Nur weil jemand alt ist, muss er die Neugier aufs Leben nicht verlieren. Mit gebrechlichen 96 Jahren kann man aufgeschlossen sein wie ein Teenager. Der unbedingte Wunsch, dabei zu sein, alles mitmachen zu können - das hat die neue Kulturreferentin im Augustinum gehörig überrascht. Seit vier Monaten gestaltet die 46-Jährige das Kulturprogramm im Senioren-Wohnstift im Druseltal, das auch Besuchern aus der Stadt offensteht: Konzerte, Vorträge, Ausstellungen.

„Das ist kein Ghetto“, sagt Gallo über ihren Arbeitsplatz, an dem 370 Menschen zuhause sind, „hier spielt das Leben.“ Möglichst vielen hochbetagten Bewohnern will Gallo diese beglückende Teilhabe ermöglichen - trotz teils erheblicher Hör- oder Sehbehinderungen, trotz Einschränkungen in der Mobilität oder der Orientierung. Menschen, die mit beiden Beinen im Leben standen, beruflich erfolgreich waren, bleiben mit über 80 an Kunst und Kultur interessiert: Meist kommen 70 bis 100 Besucher.

Allen Wünschen, das hat Juliane Gallo schon gemerkt, kann sie nicht gerecht werden: „Ich kann nicht jede Vorliebe bedienen.“ Doch sie hat eine „Kultursprechstunde“ eingerichtet, will ihr Programm transparent machen, Anregungen aufnehmen - soweit das Budget reicht. Mit Angeboten für Diaschauen läuft ihr Telefon heiß, „mit Pianisten könnte man Wege pflastern“, hat sie festgestellt. Manches läuft von selbst, eine philosophische Gesprächsrunde etwa muss sie nur ins monatliche Kalendarium eintragen.

Viel zu modern

Gallo ist froh, dass sie unmittelbar Rückmeldungen erhält. Kommentiert ein Bewohner den Ausflug ins Folkwang-Museum nach Essen mit „Ach, das ist mir zu modern“, wird genau das prompt zum Veranstaltungstitel des neu eingerichteten „Kultursalons“, bei dem man Kenntnisse austauschen und vertiefen kann.

Es hilft Gallo nicht nur, dass sie freundlich und zuvorkommend aufgenommen wurde („die ethische Haltung ist hier ganz anders als in der freien Wirtschaft“) und dass sie sich von Kollegen in den 21 anderen Augustinum-Häusern Rat holen kann. Als Vorteil empfindet sie, dass sie Kunsthistorikerin ist („bei klassischer Musik muss ich mich reinfuchsen“), Erfahrung mit Gruppen und Vermittlungsarbeit hat und nach 15 Jahren in Kassel bestens vernetzt ist: Sie möchte heimischen Künstlern ein Podium bieten und den Bewohnern vermitteln, wie viel in Kassel los ist: „Ein irres Angebot, man kann jeden Tag etwas machen.“

Mit dem Förderverein Louis-Spohr-Stiftung gibt es Kooperationen für Konzerte - „wir stellen Location und Logistik“. Einen iberischen Schwerpunkt hat sie organisiert, mit der Deutsch-Spanischen Gesellschaft. Mit Pfarrerin Dietlinde Bensiek plant sie „Wochen von Sinnen“ über das (mangelnde) Hören und Sehen, um das Verständnis füreinander zu erhöhen. Auch das Glas Wein nach einem Vortrag oder einer Vernissage ist ihr wichtig, der Geselligkeit wegen - wie es bei Kulturterminen dazugehört.

Von Mark-Christian von Busse

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