Das herrlich intensive, handgemachte Techno-Album des Klangtüftlers Four Tet

Hier wackelt der Club

Mag keine konventionellen Pressebilder: Kieran Hebden alias Four Tet. Foto: Domino

Kieran Hebden könnte man sogar einen Sack rostiger Nägel abkaufen. Aus Dankbarkeit. Etwas Schöneres als die neue CD „There Is Love In You“ hat er bislang nicht abgeliefert. Dabei hat er schon viele schöne und interessante Dinge getan: als Teil der Bands Adem und Fridge, als Kooperationspartner des Jazz-Drummers Steve Reid, gemeinsam mit dem Dubstepper Burial und natürlich als Four Tet.

Die eine Idee zu spröde geratene Techno-EP „Ringer“ deutete 2008 die Richtung an, in die der 1977 geborene, hyperaktive Engländer mit seinem Solo-Projekt gehen würde. Hebden war nicht fertig mit den geraden Beats, mit der Syntax von Techno (und House), das konnte man hören.

Der Reverenzkatalog, der sich angesichts der unbehauenen, turmhoch geschichteten Hülle und Fülle von „There Is Love In You“ in einer zwischen Weltverlust, Entfremdung und großer Liebe pendelnden melancholischen Pracht à la Detroit entblättert, reicht von Derrick May über Juan Atkins’ Projekte Model 500 und Infiniti zu Mike Banks, groovt von Theo Parrish über Moodyman zu Carl Craig. Auch an die superquirligen Stücke des Analog-Techno-Musikers Matthew Johnson mag man denken.

Ein Unterschied zum Clubsound der Gegenwart besteht aber in der Abwesenheit der Clubidee: Hebden ist vor allem ein hibbeliger Musiker mit tausend Ideen, kein disziplinierter Trackproduzent, der es auf den Dancefloor abgesehen hätte. Den meisten DJs dürften Hebdens Tracks zu wackelig sein, sich allzu handgemacht anhören, was sie auch sind: Hebden setzt sich gern ans Schlagzeug, um einen flexibel gebauten, jedoch eher hölzern anmutenden Takt zu schlagen. Die Tracks knallen kaum. Auch der Bass ist selten besonders satt.

Lieber lässt der Künstler es klöppeln und zischen, holpern und zwitschern, versteht sich auf die Kunst des Samples von roher Kraft - auch so eine Technik, die etwas in Vergessenheit geraten ist.

Entsprechend geschmackvoll sind die Frauen-Vocals: melodische Ellipsen, die, tough, diskret und wunderschön zugleich, vielen Stücken die (Detroit-)House-Grundierung geben. Obwohl diese Stimmen keine Geschichte erzählen, vermitteln sie bisweilen genau diesen Eindruck: „There Is Love In You“. Wer wollte das bestreiten?

Four Tet: There Is Love In You (Domino / Indigo).

Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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