Bayreuther Festspiele: Hans Neuenfels macht aus Wagners „Lohengrin“ einen Riesenspaß

Bayreuther Festspiele: Hans Neuenfels macht aus Wagners „Lohengrin“ einen Riesenspaß

Bayreuth. „Theater ist Unterhaltung“, sagt der Regie-Altmeister Hans Neuenfels (69) - und er macht in Bayreuth Ernst damit. Sein „Lohengrin“, der bei der Festspieleröffnung viel mehr Jubel als Buhs erntete, ist eine gigantische Versuchsanordnung - und ein Riesenspaß.

Der Ritter kommt
mit dem Schwan

1. Akt: König Heinrich ist nach Brabant gekommen, um für einen Feldzug zu werben. Seit der Sohn des toten Herzogs verschwunden ist, herrscht hier Chaos. Graf Telramund klagt Elsa des Brudermords an. Elsa erfleht den Beistand eines Ritters. Zum Erstaunen aller erscheint dieser in einem Kahn, von einem Schwan gezogen. Er will für Elsa im Gottesgericht kämpfen und sie zur Frau nehmen, doch sie darf nie nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen. Er besiegt Telramund – König und Volk jubeln. 2. Akt: Ortrud, Telramunds Frau, stachelt den Entehrten zur Rache an und sät bei Elsa Verdacht gegen den unbekannten Ritter. Dennoch soll Hochzeit gefeiert werden, bevor der unbekannte „Schützer von Brabant“ das Heer anführen soll. Vergebens fordern Ortrud und Telramund ihn auf, seinen Namen preiszugeben. 3. Akt: Allein mit dem Gatten, stellt Elsa die verbotene Frage. Der hereinstürzende Telramund wird getötet. Nun enthüllt der Ritter seine Identität: Er ist Lohengrin, Sohn des Gralskönigs Parzival. Da er erkannt ist, muss er zur Gralsburg zurück. Der Schwan verwandelt sich in Elsas Bruder Gottfried. Ortrud und Elsa sinken tot zu Boden. (w.f.)

Unter Beobachtung der unbekannten Macht in dem klinisch weißen, hell ausgeleuchteten Großlabor steht der Mensch - als Ratte. Mal schwarz, mal weiß, mal rosa. Mit langen Pfötchen, transparenten Masken, unter denen die Gesichter erkennbar bleiben, und mit langen Rattenschwänzen. Sie tragen Nummern auf dem Rücken, sind also Masse, und werden von grün gewandeten Laboranten in Schach gehalten. Eindringliche Bilder entstehen: Wenn die Ratten aus ihren Kostümen schlüpfen, die an Haken gehängt hochgezogen werden und einen Himmel aus Rattenschwänzen bilden. Oder wenn die als bunte Blumen verkleideten Rattenmädchen sich von den Rattenmännern die Schwänze streicheln lassen. Klar ist: Es geht hier nicht um Transzendenz, sondern um Biologie. Ab und zu fährt eine Leinwand herunter und verkündet „Wahrheiten“. In Trickfilmszenen, die zeigen, wie Ratten um eine Krone (die Macht) kämpfen, wie sie blind in eine Richtung rennen (in den Krieg) und dabei umkommen. Ästhetisch erinnert das an Art Spiegelmans KZ-Comic „Maus“.

Neuenfels und sein kongenialer Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen entsorgen in ihrem Rattenlabor dagegen auf elegante Weise Richard Wagners deutschtümelnde und kriegslüsterne Rahmenhandlung. Und wenden sich den Menschen und ihren Liebesmöglichkeiten zu.

Die sind begrenzt, wie sich an den Individuen zeigt, die in menschlicher Gestalt aus der Masse der Ratten heraustreten. Jonas Kaufmann, der sich anfangs mit natürlicher Lässigkeit quasi selbst spielt, ist als Lohengrin die personifizierte Zumutung: „Nie sollst du mich befragen.“ Neuenfels deutet sie als Chance, sich von Konventionen zu befreien – und lässt alle an diesem Anspruch scheitern.

Der angstneurotische König Heinrich (Georg Zeppenfeld) - eine Null. Telramund (Hans-Joachim Ketelsen) - ein fremdgesteuerter Ehrgeizling, der als Ratte Nr. 82 endet. Elsa, „die Reine“ (Annette Dasch), tritt anfangs als pfeildurchbohrte Schmerzensfrau auf. Als Zerrissene zeigt Neuenfels sie in den großen Dialogszenen. Ortruds (Evelyn Helitzius) schwarzer Hass wird zum dunklen Spiegelbild ihrer Liebe. Ein Kuss deutet die gegenseitige Anziehung an. Quälend, wie Elsa und Lohengrin rund ums Ehebett um ihre Liebe ringen. Doch Lohengrins Absolutheitsanspruch ist Elsa nicht gewachsen.

Da fährt aus dem Bett das sargähnliche Boot, das Lohengrins Ankunft begleitete - doch vom Schwan sind nur die Federn übrig. Er ist nicht mehr als eine Projektionsfläche: Mal stolzer Vogel, mal gerupftes Tier, Wohnungsschmuck oder Wappentier. Am Ende entsteigt seinem Riesenei ein Fötus und zerreißt seine Nabelschnur. Eine nächste Generation kommt - das Experiment geht weiter.

Von Werner Fritsch

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