Fest fürs Ohr: Ein Streifzug durch die neuen Weihnachts-Alben - Von singenden Priestern bis Swing

Ein himmlisches Vergnügen

Alle Jahre wieder quälen Musikkonzerne und Popsternchen die Radiohörer mit unsäglichen Weihnachtsschnulzen. Weghören hilft nicht, genau Hinhören schon. Denn in der Flut süßlicher, belangloser Weihnachtsalben, mit denen der Markt kurz vor dem Fest überflutet wird, gibt es auch in diesem Jahr wieder einige Kostbarkeiten zu entdecken.

The Priests: Noel (Sony), Wertung: !!!!!

Die singenden irischen Priester, Pater David Delargy und die Patres Martin und Eugene O’Hagen, zählen in Großbritannien, den USA und Australien zu den erfolgreichsten Künstlern der religiösen wie auch der säkularen Welt. Sie treten in Kathedralen auf, aber auch in Fernseh-Shows. Ihren ausgesprochen inspirierten Interpretationen von 15 der schönsten Weihnachtslieder in stillen Stunden zuzuhören, ist ein himmlisches Vergnügen. Wer den Geist dieser Jahreszeit sucht, hier wird er fündig. Produziert wurde die CD von Mike Hedges (The Cure, Everything but the Girl, Travis).

Annie Lennox: A Christmas Cornucopia (Island), Wertung: !!!!!

„Cornucopia“ bedeutet „Füllhorn“ und das Füllhorn, das Annie Lennox ausschüttet, hat es in sich: Bekannte Klassiker der Weihnachtsmusik kombiniert die ehemalige Sängerin der Eurythmics mit seltenen Perlen des Genres und stellt einige Lieder in einen überraschend modernen sozialpolitischen Kontext. Das Ergebnis ist klassisch, zeitgenössisch und anrührend zugleich. Mit „Universal Child“ enthält das Weihnachtsalbum mit dem schönsten Cover der Saison auch einen bewegenden, von Lennox selbst geschriebenen, neuen Song.

Flying Pickets: Only Yule (Inakustik) Wertung: !!!!:

Die britische A-cappella-Formation, die mit „Only you“ seit 27 Jahren zur Weihnachtszeit ein Dauerabonnement im Radio hat, flog für die Aufnahmen ihres ersten Weihnachtsalbums nach Kalifornien zu Bill Hare. Dieser Mann kennt nur ein Credo: „Die menschliche Stimme ist die Königin aller Musikinstrumente“. Damit avancierte er zum bedeutendsten Produzenten von A-cappella-Aufnahmen. Seine Produktion hat jedes Abdriften ins Kitschige vermieden. Evergreens wie „Little Drummer Boy“, „Frosty The Snowman“, „I Believe In Father Christmas“ oder „Halleluja / Silent Night“ kommen ohne Pathos aus den Boxen.

Susan Boyle: The Gift (Columbia), Wertung: !!!::

Im Gegensatz zu ihrem Debüt-Album „I dreamed a dream“ wird Susan Boyle auf ihrem Weihnachts-Geschenk nicht gnadenlos von einem Orchester erdrückt. Im Gegenteil: Die Instrumentierung auf „The Gift“ ist zurückhaltend, man hört, dass Boyle wirklich singen kann. Sie bereichert die Weihnachtszeit mit Coverversionen von Lou Reed („Perfect Day“), Crowded House („Don’t dream it’s over“) und Leonard Cohen („Halleluja“). Wobei Letzteres der einzige Ausfall auf der CD ist.

Jazz Lounge Christmas (Localmedia), Wertung: !!!!:

Schon für die wunderbare Ausgrabung von Eartha Kitts nostalgischem „Santa Baby“ aus den 50ern lohnt sich diese Platte. Das kleine, aber feine Label Localmedia hat sich für seine swingende Lounge-CD spürbar viel Mühe gegeben. Lässige Versionen von Christmas-Klassikern sind darauf zu erleben, etwa „Jingle Bells“ von Matthias Harnitz und seinem m.age.projekt. Dazu: Eigenkompositionen von Alison Degbe & Alex B. Groove und andere originelle Raritäten, die ins festlich gestimmte Ohr vorweihnachtliche Entspannung träufeln.

Christmas with the Puppini Sisters (Verve), Wertung: !!!::

Alte und nicht ganz so alte Klassiker der Weihnachtsmusik werden mit knallig rotem Lippenstift geschminkt, in seidene Ballkleider mit tiefem Ausschnitt gesteckt und einer Jive- und Swing-Kur unterzogen. Das richtige für die Weihnachtsparty in der 200 000-Euro-Eigentumswohnung – mit echten Gefühlen hat es aber nichts zu tun. Zwischen der Puppini-Fassung des hawaiianischen Weihnachtsklassikers „Mele Kalikimaka“ und der von Bette Midler liegen Welten … zum Vorteil von Bette Midler.

Pink Martini: Joy to the world (Naive Rec.) Wertung: !!!::

Konfessionsübergreifend und weltoffen, trotzdem schwierig: Wenn sich die zwölf Musiker aus Oregon nach Osteuropa begeben und Stücke wie „Shchedryk“, „Elohai,n’tzer“ oder „Oche Kandelikas“ spielen, sind sie die eigentliche Weihnachtssensation. Ihre Interpretationen des üblichen Weihnachts-Standard-Programms sind jedoch nur Mittelmaß. Da hilft auch die japanische Version von „Stille Nacht“ nichts.

Höhner Weihnacht – Die Zweite (EMI), Wertung: !!!::

Was machen die Stimmungskanonen der fünften Jahreszeit in der vierten? Sie präsentieren ein nachdenklich stimmendes, besinnliches Album mit Texten in Kölscher Mundart zu den Melodien bekannter angelsächsischer Weihnachtslieder. Alles dreht sich um die Liebe „et Wichtigste op dr Welt“, Dankbarkeit und Trost. Zu dieser Musik kann man sich wohlfühlen, ein Schabäuche (Schnäpschen) trinken und sich auf Weihnachten freuen. Denn Bethlehem es üvverall.

Tom Gaebel: Easy Christmas (Indigo), Wertung: !!:::

Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. Tom Gaebel meint es gut, singt gut, die Band swingt gut und die Arrangements sitzen gut. Das System Gaebel hat trotzdem einen großen Nachteil: Legenden wie Frank Sinatra, Dean Martin und Bing Crosby haben die gleichen Stücke vor 50 Jahren schon gesungen – nicht nur gut, sondern viel, viel besser.

Von Wilhelm Ditzel

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