Eine Familie und ihr sozialer Abstieg in „Tod eines Handlungsreisenden“ am Jungen Theater Göttingen

Der Hinterhof der Träume

Im Restaurant soll endlich die Wahrheit auf den Tisch: Biff (Pascal Goffin, links) packt aus, sein Vater Willy Loman (Jan Reinartz, Mitte) ignoriert ihn, und Bruder Happy (Felix Steinhardt) kann nicht damit umgehen. Foto: Eulig

Göttingen. „Es ist alles in Ordnung“, sagt Vertreter Willy Loman, als er von seiner Verkaufsfahrt zurückkehrt - und schon im ersten Satz des Theaterstücks „Tod eines Handlungsreisenden“ steckt die ganze Lüge seines Lebens. Denn dieser Mann verkauft nichts mehr, und dass seine Söhne die Karriereleiter erklettern, macht er sich nur vor.

Der amerikanische Traum besagt, dass demjenigen alles gelingen kann, der es nur will. Arthur Miller kontrastiert ihn in seinem 1949 uraufgeführten Drama mit der Realität einer Familie, die genau daran zerbricht. Denn aus dem Anspruch entsteht die Selbsttäuschung. Wer nur lang genug darüber redet, glaubt irgendwann etwa, dass Sohn Biff nicht nur Packer in der Sportartikelfirma ist, sondern aufstrebender Liebling des Chefs.

Regisseur Andreas Döring lässt das Stück am Göttinger Jungen Theater in einem unaufgeräumten Hinterhof spielen. Monoblockstühle, leere Blumentöpfe, Baumaterial steht herum - die Familie baut an ihrem Traum und wird in ihrem kurzen Menschenleben doch nie damit fertig.

Am Rande des Hofs: das Loman’sche Haus, die Hälfte der Szenen spielt hinter den Fenstern im Erd- und Obergeschoss. Ein schöner Regieeinfall (Bühne: auch Andreas Döring), der die Zuschauer zu Voyeuren macht und zeigt, das Geschehen könnte sich auch in unserer Nachbarschaft abspielen. Aber die Darsteller sind dadurch eingeschränkt in ihrer Ausdrucksmöglichkeit.

Willy Loman in seinen Gesundheitssandalen lacht zu laut, kumpelt seine Söhne schulterklopfend an, kann seinen künstlichen Verkäufer-Duktus nicht abschalten. Schauspieler Jan Reinartz arbeitet zwar heraus, welche Herkulesaufgabe es für Willy Loman ist, den Schein zu wahren. Doch er zeigt Loman schon am Anfang recht holzschnittartig als wirren, salbadernden Alten. So lässt er zu wenig Raum für psychologische Nuancierung und kann Willys Verzweiflung (die im Selbstmord gipfelt) nicht mehr steigern.

Die kraftvollen Momente entstehen deshalb aus der Interaktion in der Familie. Bewegendste Szene ist, wenn Biff bei einem Restaurantbesuch Schluss machen will mit den Lügen und dabei erstmals in seinem Leben zu sich selbst findet - doch beim Vater auf verschlossene Ohren stößt.

Pascal Goffin spielt Biff als körperbetonten All-American-Boy mit schlichtem Gemüt. Felix Steinhardt ist als sein Bruder Happy ein Weichling, der sich gewohnheitsmäßig wegduckt, zum Schluss steht er in lächerlicher Comic-Unterhose da und weiß nicht weiter (Kostüme: Sonja Elena Schroeder). Agnes Giese ist ein emotionales Kraftfeld des Abends, sie spielt Ehefrau Linda mit liebender Traurigkeit.

Nachts sitzt Willy auf dem Hof und träumt sich in die Vergangenheit, die dann auf der Bühne dargestellt wird. Lichtwechsel symbolisieren das Umschalten. Nur: Wenn Willy in der Gegenwart Pyjama trägt, dann in der Vergangenheitssequenz Hemd und Schlips, müsste er nach der Rückblende wieder im Pyjama dasitzen. Nicht im Hemd. In kleineren Rollen spielen Anne Düe und Thomas Hof.

Der Zweistunden-Abend birgt Straffungs-Potenzial, aber das Junge Theater zeigt, dass „Tod eines Handlungsreisenden“ in einer Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit aktuell bleibt. Viel Applaus.

Wieder am 8., 11.2., Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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