Aus HipHop-Feinden werden dicke Kumpel: Bushido und Sido

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Duellieren sich jetzt nur noch bei ihrer Version von „Schere, Stein, Papier“: Die einst verhassten Berliner Rapper Bushido (links) und Sido mischen gemeinsam die Charts auf.

Als die angebliche Zukunft des deutschen HipHop begann, erholte sich Bushido gerade von einem Bandscheibenvorfall auf den Malediven. Sieben Jahre lang hatte sich der Berliner Rapper (33) mit seinem Kollegen Sido (30) bis aufs Blut gestritten.

Anis Mohamed Youssef Ferchichi lästerte über die „Junkie-Mutter“ von Paul Würdig, und die bunten Blätter titelten regelmäßig Sätze wie „Sido droht Bushido“. Doch dann wünschte Sido dem Rivalen nach dessen Bandscheiben-Operation im Dezember vergangenen Jahres per Single gute Besserung.

Die Geschichte haben die beiden Rapper, die einst durch das Berliner Aggro-Label berühmt wurden, nun noch einmal anlässlich des Erscheinens von „23“ erzählt. Die Zahl steht für alle Alben, die die beiden bislang auf den Markt gebracht haben und ist das erste gemeinsame Werk. Nach der Vorgeschichte ist „23“ eine Sensation und ungefähr so, als würden die Porno-Literatin Charlotte Roche und die Feministin Alice Schwarzer gemeinsam ein Buch schreiben.

Eine „wahr gewordene Utopie“ nennt die Plattenfirma Sony das Album und prophezeit, dass die „HipHop-Szene aus rein musikalischer Perspektive neu“ definiert werde. Neu definiert wird mit „23“ indes nur die kommerzielle Verwertung. Angeblich sollen sich die großen Labels gegenseitig wie wild überboten haben, nachdem bekannt geworden war, dass die „Quoten-Rüpel“ zusammen ins Studio gehen wollen. Doch gemessen an den hohen Erwartungen sind die 20 Tracks eine Enttäuschung.

Gleich zu beginn rappen die ehemaligen Streithähne in „Mit nem Lächeln“ vom „Vergeben und vergessen“ und kündigen an, dass es „kein böses Blut mehr“ geben werde. Hin und wieder fällt noch das Wort „Schwanz“, aber sonst gibt es vor allem stupide Beats und harmlose Nummern wie den Song „Erwachsen sein“, in dem Peter Maffay noch einmal den Refrain seines 18 Jahre alten Hits „Nessaja“ singt: „Ich wollte nie erwachsen sein.“ So ähnlich hatte das der einstige Elternschreck Bushido schon mit Karel Gott („Für immer jung“) getan.

32 Punkte in Flensburg

Früher sorgten die HipHopper mit Zeilen wie „Ihr Tunten werdet vergast“ und Liedern wie dem „Arschficksong“ für Skandale. Nun könnten vielleicht sogar die Eltern der jugendlichen Zielgruppe Gefallen an ihnen finden. Gute Entertainer sind die beiden in jedem Fall. Sido mischte zuletzt die österreichische Casting-Show „Die große Chance“ auf, und wenn er in einer Talkshow zur Jugendgewalt sitzt, lässt er sämtliche Experten und Politiker alt aussehen.

Während Bushidos Karriere bereits von Bernd Eichinger verfilmt wurde, kommt Sidos Geschichte demnächst ins Kino. Sie erzählt von Plattenbauten in Berlin, Drogen und Gewalt. Mittlerweile sind beide treu sorgende Familienväter und bekennen in Interviews, dass sie keine Führerscheine haben - Bushido nicht mehr, weil für ihn 32 Punkte in Flensburg notiert sind, und Sido noch nicht, weil er ihn erst machen will. Bislang war er regelmäßig ohne Pappe am Steuer erwischt worden.

Demnächst wollen die Großmäuler sogar zum gemeinsamen Angelurlaub in die Karibik reisen. Vielleicht machen sie wenigstens dann einen großen Fang. Ein dicker Fisch ist „23“ nicht geworden.

„23“ ist bei Sony erschienen.

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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