„Historiker schreiben das nicht“

Kassel. Das Kasseler Gloria-Kino ist ausverkauft, als Margarethe von Trotta dort persönlich ihren Film „Hannah Arendt“ über die jüdische Denkerin vorstellt. Im Zentrum des Films steht Arendts Analyse Adolf Eichmanns, des Bürokraten des Holocaust. Wir trafen die Regisseurin am Rande zu einem Gespräch.

Wie sind Sie darauf gekommen, Hannah Arendt zu porträtieren?

Margarethe von Trotta: Meist komme nicht ich zu den Themen. Die Themen kommen zu mir. Ich habe mal gesagt, bevor ich sterbe, möchte ich das 20. Jahrhundert beschrieben haben. Mit „Rosa Luxemburg“ habe ich ins Jahrhundert hineingeschaut, Mit Hannah Arendt blicke ich aus den 60er-Jahren zurück in eine finstere Zeit.

Konnten Sie mit Angehörigen Arendts sprechen?

von Trotta: Ich habe Lotte Köhler getroffen, eine Freundin Hannahs, die im Film von Julia Jentsch gespielt wird. Sie hat mir Privates erzählt, zum Beispiel, dass Hannahs Mann Heinrich Blücher Affären hatte. Das muss man als Filmemacherin wissen. Historiker schreiben das nicht. Oder dass Hannah auf ihrem Schreibtisch nebeneinander Fotos von ihrem Mann und von Martin Heidegger, ihrem Lehrer und früheren Geliebten stehen hatte - und dass

ihr Mann das zuließ. Das sagt so viel aus.

Sie konzentrieren sich auf die Zeit um die Eichmann-Prozesse. Wie kamen Sie auf diesen Zeitabschnitt?

von Trotta: Erst wollten wir uns von Episode zu Episode hangeln. Dann wäre aber das Denken verlorengegangen. Nur ein bewegtes Leben reicht nicht. Das haben viele. Außerdem ist Eichmann für sie wie ein Gegner im Duell. Das braucht ein Film.

Ihr Film handeln vom Prozess des Denkens - nicht gerade leicht zu visualisieren.

von Trotta: Ist doch verblüffend, dass das geht, oder?

Wie sind Sie das als Regisseurin angegangen?

von Trotta: Das kann man nicht vorbereiten. Als wir angefangen haben, das Drehbuch zu schreiben, haben mir Leute gesagt, Hannah muss erst mal eine Rede halten, damit man merkt, dass sie eine Intellektuelle ist. Ich sagte: Nein, dann verschreckt man die Leute und wird didaktisch. Also fängt der Film umgekehrt an: Hannah und ihre Freundin unterhalten sich über Männer. Das haben wir in ihrer Korrespondenz gefunden.

Wie haben Sie die privaten Momente und die intellektuellen Dispute ausbalanciert?

von Trotta: Wir fangen privat an, dann kommt die Anfrage, ob sie über den Prozess berichtet, sie fährt hin. Man kommt dann - hoffe ich - mit ihr zu ihren Erkenntnissen von der Banalität des Bösen.

Die Anfeindungen, denen Hannah daraufhin ausgesetzt ist, sind erschreckend.

von Trotta: Wir haben diesen Brief im Archiv gefunden - da schreibt eine Frau, sie musste sich die Hände mit Seife waschen, nachdem sie

ihren Artikel angefasst hat.

Man warf Ihr Gefühllosigkeit und Arroganz vor. Ist das ein typischer Vorwurf an Frauen?

von Trotta: Ja. Bei einem Mann wäre das normal. Dabei hatte Hannah eben gerade die bewundernswerte Haltung, sich selbst emotional und persönlich nicht einzubringen.

Im Film platzieren Sie immer wieder emotionale Szenen.

von Trotta: Lotte hat mir die Geschichte erzählt, wo Hannah von einem Traum spricht, in dem ihr früh gestorbener Vater ihr sagt, dass er sie liebt. Nun war die Frage, wo baue ich die ein? Sie kommt nach dem Tag mit diesem fürchterlichen Brief. Abends erzählt sie sie und weint. Hier bricht sich ihre Anspannung Bahn.

Sie zeigen Hannah auch im Kontakt mit ihrem Mann, man gibt sich Kosenamen. Ganz süß.

von Trotta: Das haben wir aus Briefen. Genau wie den Klaps. Eine Zuschauerin hat sich aufgeregt, dass Heinrich Hannah auf den Po haut. Das war aber in seiner Generation üblich. In seinen Briefen schreibt er immer „Kuss und Klaps“. Heute undenkbar.

Sie suchen immer nach Entsprechungen zwischen sich und der Filmfigur. Was war das hier?

von Trotta: Das Fremdsein. Meine Mutter war als Adlige aus Moskau geflohen. Ich war bis zu meiner ersten Ehe staatenlos. So ging es Hannah auch. Wenn man nach der Nationalität gefragt wird, muss man sagen: staatenlos. Das ist wie heimatlos. Was mich außerdem verbindet: Hannah war morgens sehr melancholisch und musste viel Energie aufbringen fürs Tagesgeschäft. Das kenne ich auch.

Es heißt, Sie mussten für Barbara Sukowa als Hauptdarstellerin kämpfen. Warum?

von Trotta: Alle waren gegen sie. Da ich schon so oft mit ihr gedreht habe, sei das kontraproduktiv. Erst als ich gesagt habe, ich mache den Film sonst nicht, haben die Produzenten und Geldgeber eingelenkt.

Zur Person: Margarethe von Trotta (70) wurde am 21. Februar 1942 in Berlin geboren.

Von Bettina Fraschke

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