Der Reggae-Musiker Gentleman wird immer vielfältiger

Der Hit-Bäcker - Reggae-Musiker Gentleman  

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Gilt auf Jamaika als bekanntester Deutscher: Tilmann Otto alias Gentleman.

Vielleicht ist es Zufall gewesen, dass das neue Album des Reggae-Musikers Gentleman so gut geworden ist. Seit zehn Jahren versucht der Kölner einen Song mit seinem deutschen Kollegen Patrice aufzunehmen.

Die beiden verabredeten sich immer wieder, aber stets kam etwas dazwischen. Ende vergangenen Jahres stand Gentleman in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston an einer Kreuzung, als ihm plötzlich Patrice begegnete. Die beiden wunderten sich ein bisschen über den Zufall, verabredeten sich drei Tage später im Studio und nahmen „Along The Way“ auf.

Die Zusammenarbeit der deutschen Reggae-Stars ist einer der Höhepunkte auf „Diversity“. So abwechslungsreich wie auf seinem fünften Studioalbum war Gentleman noch nie, seit er 1998 mit dem Song „Tabula Rasa“ bekannt wurde, den er mit der HipHop-Formation Freundeskreis aufgenommen hatte. Gleich 19 Titel enthält das neue Album, darunter das Duett „Thinking About You“ mit der Soul-Sängerin Cassandra Steen und „Another Melody“ mit der jamaikanischen Ikone Tanya Stephens.

„Ich hatte einen kreativen Flow“, sagt der 34-Jährige im Interview mit unserer Zeitung. Deshalb hat er gleich noch eine De-Luxe-Edition herausgebracht, auf der sich 28 Lieder befinden. Neben klassischem Roots-Reggae, der „immer noch meine große Liebe ist“, wie Gentleman sagt, gibt es HipHop-Beats, Dancehall, Pop-Melodien, verzerrte Stimmeffekte mit der angesagten Software Auto-Tune und sogar ein bisschen Euro-Dance.

Alte Fans aus der eher konservativen Reggae-Szene werden womöglich nicht alles begeistert aufnehmen, aber Gentleman fand es „wichtig, etwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe“. Das hat Tilmann Otto, wie der Pfarrersohn richtig heißt, schon mit 17 gemacht, als er die Schule schmiss und zum ersten Mal nach Jamaika reiste. Zuvor hatte er drei Klassen wiederholt. „Ich habe ohne Grund rebelliert“, sagt der zweifache Familienvater heute.

Gentleman war erfolgreich, ohne sich anzupassen. Als alle nur noch Brutalo-Rap von Sido und Bushido hören wollten, eroberte er mit Songs über Solidarität und Nächstenliebe die Hitparaden. Und während nun schwule Politiker wie der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck gegen den homophoben Reggae-Sänger Sizzla protestieren, wirft Gentleman den Kritikern Doppelmoral vor und verteidigt den Jamaikaner, weil er aus einer anderen Kultur stammt: „Der Papst sagt das Gleiche wie ein Sizzla, nur in einer anderen Form.“

Auf „Diversity“ jedenfalls singt Gentleman mit seiner Reibeisenstimme idealistisch über das Gute im Menschen. Die Songs spielte er zuerst seiner Mutter, seinem achtjährigen Sohn und der Bäckerin von nebenan vor. Auch deshalb weiß Gentleman, wie man Hits backt.

Gentleman: Diversity (Island/Universal). Wertung: + + + + -

Von Matthias Lohr

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