Alles Müller oder was?

HNA-Filmkritik: „Die Mannschaft“ ist leider nicht mehr als ein WM-Werbefilm

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Die Nummer eins der Welt sind wir: So singen (von links) Per Mertesacker, Benedikt Höwedes und Thomas Müller nach dem WM-Finale gegen Argentinien im Mannschaftsbus auf dem Heimweg ins Hotel.

Im Training hatte der lustigste Freistoßtrick der Fußball-WM noch geklappt. Der Film „Die Mannschaft“ zeigt, wie Thomas Müller während eines Trainingskicks anläuft, hinfällt, sich aufrappelt, an der Mauer vorbeischleicht, Toni Kroos den Ball über die Mauer schlenzt und Müller ihn ins Tor befördert.

Im WM-Achtelfinale gegen Algerien, als die deutsche Elf auszuscheiden drohte, bleibt der Ball kurz vor Schluss dagegen in der Mauer hängen. Heute kann Müller darüber lachen - er hat mit seinen Kollegen trotz des verpatzten Slapstick-Freistoßes, über den damals die ganze Welt sprach, Geschichte geschrieben.

Man hätte sich noch mehr solche Momente gewünscht von dem Film, der heute in die Kinos kommt. Doch „Die Mannschaft“ ist von einem „Sommermärchen“, wie es Sönke Wortmann 2006 dokumentierte, so weit entfernt wie Brasilien beim 1:7 im Halbfinale von Deutschland.

Das liegt schon daran, dass der Film gar nicht geplant war. Kameramann Martin Christ vom verbandseigenen DFB-TV filmte die Trainingseinheiten ursprünglich nur zur Taktikschulung. Zwischendurch hielt er einfach drauf im Quartier Campo Bahia. Am Ende hätten die Spieler den Film vielleicht als Andenken bekommen - so wie Eltern sich eine DVD der ersten Ballettaufführung ihrer Tochter ins Regal stellen.

Wertung: 2 von 5 Sternen

Weil das Material durch den Triumph zum historischen Dokument wurde, gibt es nun „Die Mannschaft“. Eigentlich ist der vom DFB, der Fifa und Wortmanns Firma Little Shark Entertainment ohne Regisseur produzierte Streifen keine Doku, sondern ein Werbefilm für die Nationalelf.

„Wer denkt, dass ich bei einem Freistoß-Trick stolpere, der ist schon mal ganz falsch gewickelt.“ 

Alles ist von Anfang an super: Es fällt kein Wort über den verletzten Philipp Lahm, der während des Trainingslagers in Südtirol auszufallen drohte. Manager Oliver Bierhoff preist in PR-Sprech das exklusive Resort und die Brasilianer, die den Deutschen zujubeln.

Kritik am umstrittenen Gebaren der Fifa wischt Bastian Schweinsteiger weg, indem er Präsident Sepp Blatter am Pool betend dankt, dass er die WM nach Brasilien vergeben hat: „So konnte ich das schöne Wetter genießen.“

HNA-Kulturredakteur Matthias Lohr.

Trotzdem gibt es auch viele tolle Szenen. Thomas Müller, der selbst einen vermurksten Hollywood-Blockbuster retten könnte, serviert nach einer verlorenen Wette mit dem Physiotherapeuten das Essen im Dirndl. Christoph Kramer gibt eine schräge Gesangseinlage auf der Fähre ins Camp. Vor den Spielen sagt Trainer Joachim Löw schlichte Sätze wie „Haut sie weg“. Und wenn die Spieler am Flughafen Langeweile haben, schauen sie auf ihre Handys. Stars sind oft auch nur Menschen wie wir.

Der verletzte Bebraer Shkodran Mustafi liegt einmal schmerzverzerrt auf der Massagebank. Und Per Mertesacker sagt über seinen TV-Ausraster nach dem Algerien-Spiel: „Ich hab da einfach mal ehrlich geantwortet. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.“ Auch solche Sätze hätte man sich öfter gewünscht in den ziemlich nichtssagenden Interviews mit Löw und Co.

Infos:

Genre: Sport-Doku

Ohne Altersbeschränkung

Wertung: zwei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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