So war der Auftakt des Dschungelcamps: Jetzt gibt es Kasalla!

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Ich bin ein Star _ Holt mich hier raus!

Viel versprechender Auftakt für „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. Im Dschungelcamp mit diesmal zwölf Kandidaten geht’s gleich zur Sache. Findet Kulturredakteur Mark-Christian von Busse.

An einen legendären Energie-Werbeslogan konnte man Freitagabend beim drei Stunden dauernden Start des zehnten Dschungelcamps denken: Ich bin zwei Öltanks.

Der Live-Ticker vom Auftakt zum Nachlesen

Denn mit gleich zwei C-Promi-Lagern ums Feuer begann die RTL-Show im australischen Nirgendwo. Ein dramaturgischer Kniff, weil sich, so vermutlich die Hoffnung der Macher, in jedem Sextett eine irgendwie geartete Gruppendynamik schneller ausbilden sollte. Wegen der Abwechslung beim Hin- und Herschwenken.

Und wegen des Wettbewerbscharakters: Die in den Ekel-„Prüfungen“ unterlegene Gruppe bekommt gar kein Essen, egal wie viele Sterne ihr Kandidat geholt hat – außer Reis und Bohnen. Hat alles funktioniert.

Noch eine Neuerung: Mit einer Prüfung ging’s schon los, ein Vorgeschmack im wahrsten Sinne des Wortes, ehe die C-Promis ihre legere Freizeitkleidung abgelegt und unter dem strengen Gebrüll der RTL-„Ranger“ in die TV-Anstaltskleidung geschlüpft waren: Dschungelfood für alle. Ochsenpenis, angebrütetes Entenei, lebende Kakerlaken, Kamelhirn, das Übliche halt, und Kuh-Urin – das war neu.

Vertraut war hingegen das Phänomen, dass sich die größten Sprücheklopfer am schnellsten als Weicheier erwiesen. Eine mitunter müde Truppe saß da an langen Tischen, sodass sich Moderatorin Sonja Zietlow zum Ausruf „Was seid ihr denn für Mimmis?!“ genötigt sah. Den schnellsten Absturz muss man für Country-Sänger Gunter Gabriel konstatieren. Hatte er anfangs getönt, erstmal komme er selbst, dann lange nichts, er gehe „fröhlich erregt“ ins Camp, alle könnten ihn sowieso „am Arsch lecken“, und „wenn einer scheiße ist, ist der ’n toter Mann“, lag der 73-Jährige bald nur noch jammernd auf der Liege: „Mental halt ich das nicht durch.“ Seine Prophezeiung „Ich fahr anders nach Hause, als ich gekommen bin“ dürfte sich bewahrheiten. Er findet sich mittlerweile selbst ein „Arschloch“, weil er sich auf die Show eingelassen hat (übrigens nur mit einer einzigen Unterhose im Gepäck…). Sein Wunsch: „Wenn wir wenigstens die Vögel mal abstellen könnten.“ 

Ja, ja, der Dschungel. Immer wieder schön, wie die RTL-Kandidaten begreifen, dass sie tatsächlich im Wald sind. Anfangs fand Gabriel zwar noch, es sei ja „wie im Teutoburger Wald bei Detmold“, aber da machte er auch noch widerliche Buschschweinsperma-Scherze, vor seinem Mega-Durchhänger. Sophia Wollersheim, Blondine mit, vorsichtig formuliert, verblüffender Oberweite, staunte, alles sei ja „richtig echt, echt, echt“ und stürzte vor dem ersten „Todesfrosch“ davon. Sie findet alles schlicht „menschenunwürdig“. Die Authentizität der Natur ist vielleicht umso erstaunlicher, wenn man von sich selbst behauptet: „Ich bin komplett unecht.“ Und: „Ich gehe mit allem rein, was ich hab. Das ist nicht viel. Man kennt mich nur, weil ich so aussehe, wie ich aussehe.“ 

„Ihr schlechter Ruf eilt ihnen voraus“, lästerten Zietlow und ihr Komoderator Daniel Hartwich, von Anfang an in Topform, zu Beginn über die Kandidaten. Wer konnte sich „im härtesten Camp aller Zeiten“ sofort hervortun? Hier muss man Thorsten Legat und Brigitte Nielsen nennen. Nielsen, beim „Schrottwichteln im Sommer“ als ehemalige Dschungelkönigin für die erneute Teilnahme  auserkoren, kann offenbar nichts schrecken. Mit ihrer Erfahrung musste sie die Frischlinge, dschungelgrün hinter den Ohren, ermutigen, stützen, aufbauen. Das hat sie toll gemacht.

Legat, der Ex-Fußballprofi und Trainer beim „FC Reeemscheid“, ist der Hammer. Er wirkte, als könnte er das gesamte Ekel-Büfett ganz allein auffressen. Er sieht sich als Trainer im Bootcamp, benutzt eine wunderbare Fußballersprache („er bietet sich an“ über Menderes Bagci, „wir haben sie deklassiert“, „gesunde Mischung“), und sein eigenartiger Kampfruf „Butch Kasalla“ könnte in den unsterblichen Sprachschatz der deutschen Fernsehunterhaltung eingehen, auch wenn die ganz überwiegende Mehrheit des Publikums leider nicht an Chassalla und mithin an Kassel denken dürfte. Kampfschwein Legat („Was heißt Disziplin heute?“) nervte mit seinem tatendurstigen In-die-Hände-Klatschen den erschreckend hinfällig und greisenhaft wirkenden Schauspieler Rolf Zacher so sehr, dass es den ersten Zoff gab. „So, Ihr Schwuchteln“, kommandierte der 74-Jährige die Camp-Kollegen und beklagte den „Egoismus der Fleischfresser“.  „Ich guck mir das noch zwei Tage an, dann gibt`s Kasalla“, kündigte Legat an. 

Kasalla gab`s auch schon zwischen der sofort unangenehm unsympathischen Fernseh-„Anwältin“ Helena Fürst, die mit Rastafrisur punkten will, und der Topmodel-Anwärterin Nathalie Volk. Zoff wie aus dem Nichts, Auslöser war Helenas Hinweis „Man sieht deine Unterhose, außer du willst es.“ Es ging dann so munter hin und her („Du hast keinen Plan vom Leben“, „Du hast ’n echtes Problem“, „Du hast ‘n leichten Tick, meine Liebe“, „Du könntest meine Mutter sein“, „so ’ne freche Göre“), dass es wie einstudiert, ja „wie ein Sketch“ (Jürgen Milski) wirkte. Ein Gagschreiber hätte es nicht besser entwerfen können. Auffällig wurde auch Doku-Soap-Darsteller David Ortega. Sein Gefasel („Was ich mag, ist, dass Australien eben Australien ist“) war großartig. Ein Star ist ein Stern, erklärte er uns und plapperte irgendwas über Weisheitskurven. Dann wütete er, weil er sich durch Zietlows „Mimmis“-Bemerkung angegriffen fühlte (auch er hatte sich zimperlich gezeigt), er sei bloß ein Sklave: „Freundlichkeit seh` ich da nicht.“ Ja, Junge, Du bist in einer RTL-Show gelandet. Hattest Du denn das Dschungelcamp noch nie gesehen?

Dann sprach er einen sensationellen Exkurs über eingefrorene Liebe, das Leben als Tischlein-deck-dich und dass man ohne Zutaten nicht einfach backen kann. „Die Logik ist immerhin aus meinem Hirn.“ Man freut sich schon auf weitere Einblicke in die Bäckerei in seinem Oberstübchen. Welcher Eindruck bleibt von den anderen im „Bälleparadies“, „Boobs Camp“ und „Silicon Valley“? Sophia, so eine Art Melanie-Müller-Wiedergängerin, steht, so die Moderatoren, den anderen „mit Rat und Implantat“ zur Seite: „Meine Menschenkenntnis hat mich noch nie getäuscht.“ Jürgen Milski, durch „Big Brother“ bekannt gewordene Fernsehfigur, stellte blendendes Selbstbewusstsein und rheinische Fröhlichkeit zur Schau, die auch schon den ersten Dämpfer erhielt. Nathalie Volk gab sich auf der Selbstbewusstseinsskala ebenfalls die höchste Note und bekannte: „Ich ess auch so ab und zu Fischaugen.“ Wenn Zacher auf Valium ist, putscht sich der aufgekratzte Teleshopping-Verkäufer Ricky Harris mit irgendwas auf. Sein Schreckensmoment: Als der Ranger seine „Pupe“ (Stoffpuppe) auseinandernahm.

Sophia nahm man sämtliche Haargummis ab, womit ihr „Konzept“ zerstört ist: „Jetzt muss ich komplett umdenken.“ Jenny Elvers – die mit Gunter Gabriel nach eigenem Bekunden an manchem Tresen gesessen hat – überraschte mit der Einschätzung, die Gruppe habe die Anmutung eines Clubs anonymer Alkoholiker. Sie blieb ansonsten Randfigur. „DSDS“-Legende Menderes („Ich kann auch ohne Kajal leben“) zitierte Brecht! Und wir lernten: „Tropische Wärme wärmt die Knochenstruktur auf.“ Die erste Prüfung – Sterne sammeln in einem klaustrophobisch engen, sich langsam mit Wasser, Schlammkrabben, Spinnen und Aalen füllenden Bassin – war dann nicht weiter der Rede wert. Menderes gewann gegen Sophia, die die Zuschauer gleich wieder nominierten. Wohl der Sarah-Knappik-Blondinen-Effekt. 

Wir aber gehen „mit Energie und Positivität“ (Nielsen) nach diesem starken Auftakt in die zehnte Staffel. Die „Promis“ sparen, wie die Moderatoren betonten, zu Hause drei Wochen Heizkosten. Immerhin. „Die fetten Jahre sind vorbei, heute ist alles Kartoffelbrei“, so stellte sich Rolf Zacher selbst vor. Ach was, für dieses Camp wird das nicht gelten. Das dürfte ein fetter Jahrgang werden.

Von Mark-Christian von Busse

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