TV-Kritik zum "Neo Magazin Royale": Genial - Böhmermann führt RTL vor

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 Jan Böhmermann meldet sich mit seinem "Neo Magazin Royale" zurück.

In seinem ersten "Neo Magazin Royale" nach der Staatsaffäre sorgt der ZDF-Satiriker für den nächsten Skandal - beim Konkurrenten RTL. Kulturredakteur Matthias Lohr hat sich die Sendung angesehen.

Den Preis für den besten Gag zu seinem Erdogan-Schmähgedicht diese Woche bekommt nicht Jan Böhmermann, sondern der CDU-Politiker Detlef Seif. Der trug am Donnerstag im Bundestag die Verse vor, die im April zu einer Staatsaffäre geführt hatten. Dabei hatte der ZDF-Satiriker doch zuvor festgestellt: "Jeder, der dieses Gedicht aus dem Zusammenhang nimmt und losgelöst von der gan­zen Nummer vorträgt, hat nicht alle Latten am Zaun."

Apropos nicht alle Latten am Zaun. Damit wären wir bei der ersten Ausgabe des "Neo Magazin Royale" nach vier Wochen selbst auferlegter Pause. Wer nach der ganzen Aufregung am Donnerstag zum ersten Mal das Format auf ZDFneo eingeschaltet oder im Netz angeklickt hatte, musste sich fragen: "Das soll eine politische Satiresendung sein?"

Das war das von der Kölner Bildundtonfabrik produzierte Format in Wirklichkeit noch nie. Um Erdogan und Ziegenficker ging es auch diesmal nicht. Nur Studiogast Gregor Gysi (Die Linke) schnitt das brisante Thema an, als er sagte, er würde Böhmermann für seine Verse die Meinung geigen, ansonsten aber auf Freispruch plädieren.

Trotzdem ging es auch diesmal um Menschenrechte - und zwar um die im Privatfernsehen. Das "Neo Magazin Royale" hatte zwei Schauspieler in in die RTL-Reality-Soap "Schwiegertochter gesucht" eingeschleust. Seit zehn Jahren führt die Moderatorin Vera Int-Veen dort Menschen vor, die sich nicht wehren können und über die sich das Publikum dann lustig macht. Der 21-jährige Eisenbahn-Fan Robin und sein Vater René (38), die RTL zuletzt vorgestellt hatte, sind jedoch eine Erfindung von Böhmermanns Team. Mit fettigen Haaren, einem debilen Grinsen und einer kindlichen Vorliebe für Reptilien war Robin der "feuchte Traum jedes Redakteurs", wie Böhmermann in einem genialen Einspielfilm zeigte. Dafür müsste es eigentlich den nächsten Grimme-Preis geben.

Mit versteckter Kamera wurde dokumentiert, wie skrupellose RTL-Redakteure die Kandidaten für 150 Euro Aufwandsentschädigung übers Ohr hauen, damit der Sender später 90.000 Euro pro Werbeminute kassieren kann. RTL ist womöglich der Erdogan des deutschen Privatfernsehens, mit Sicherheit haben einige dort aber nicht mehr alle Latten am Zaun.

Und das alberne "Neo Magazin Royale" ist relevanter und lustiger denn je. Den besten Witz des Abends hatte sich übrigens kein Gagschreiber ausgedacht, sondern Zuschauerin Kerstin K. Aus Furcht vor weiteren Abmahnungen hatte Böhemrmann im Vorfeld seine Fans aufgerufen, Gags einzusenden. Zehntausende Witze gingen in der Redaktion ein. Für jeden, der es in die Sendung schaffte, gab es 103 Euro. Kerstin K. fragte: "Was ist der Unterschied zwischen Chinesen und Rassismus? Rassismus hat viele Gesichter." Falls nun der chinesische Staatspräsident bei Angela Merkel anruft, um sich zu beschweren, sollte die Kanzlerin diesmal standhaft bleiben.

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