Viel Szenenapplaus für die große Ensemblekomödie „Floh im Ohr“ am Staatstheater Kassel

Hochtouriger Verwechslungsspaß

Falscher Kuss: Alexander Weise (Romain Tournel, links), Enrique Keil (Poche) und Anke Stedingk (Raymonde Chandebise). Foto:  Jung

Kassel. Wenn Antoinette Musik hören will, kritzelt sie einfach einen iPod auf die glatte weiße Papierwand, die die Bühne abgrenzt. Einmal tippen: Schon singt Pharrell Williams seinen Hit „Happy“. Weiß und makellos wie ein Apple-Gerät zeigt sich die Welt der Freunde um das Ehepaar Chandebise in Georges Feydeaus Komödie „Floh im Ohr“, die am Freitag am Kasseler Staatstheater Premiere hatte. Raymonde Chandebise und ihre Freundin Lucienne wollen die Treue von Monsieur Chandebise auf die Probe stellen und laden ihn zum anonymen Rendezvous ins Hotel Bizarre. Der Brief wird hier ebenfalls per Edding auf die Wand geschrieben – in Icons, Symbolbildchen, wie aus einer SMS. Zum Abschicken zücken die Damen das Teppichmesser und schneiden den herzförmigen Schrieb aus der Wand. Die Durchlöcherung der Fassade nimmt ihren Lauf. Die Parfümierung wird durch Reiben des Papiers zwischen den Schenkeln hinzugefügt.

Markus Dietz inszeniert die Ensemblekomödie als hochtourigen Parforceritt mit Mut zur Albernheit. Wer Anzüglichkeiten und Kraftausdrücke nicht mag, ist hier fehl am Platz. Wer sich darauf einlässt, hat – wie das begeisterte Premierenpublikum, das dauernd Szenenapplaus spendete und aus dem Lachen kaum herauskam – viel Vergnügen. Feydeau schickt seine Protagonisten allesamt in die Misere, lässt sie nach Glücksmomenten schnappen wie nach Gratislosen und im Bordell in einem gnadenlosen Verwechslungsreigen aufeinandertreffen. Bis Ernüchterung dräut.

Und von der weißen Papierwand nichts mehr übrig ist. Mayke Hegger holt mit ihrem genial durchdachten Bühnenbild den Stoff nah an die Gegenwart. Eine echte Erotiktänzerin (Sabrina Krippner) sorgt mit einem lasziven Strip (inklusive Brustwarzentroddeln) für Irritationen, und das bestens aufgelegte Ensemble meistert all das Rennen, Klettern, Ausziehen, Knutschen und Verstecken mit Bravour und wird ausgiebig bejubelt.

Enrique Keil in der Doppelrolle als blasierter Chandebise und prolliger Hausmeister Poche könnte in einer sportlichen Umkleide-Meisterschaft antreten (Kostüme: Henrike Bromber), Anke Stedingk wechselt als Madame Chandebise zwischen witzigen Tussenposen und dunkler Romantiksehnsucht. Peter Elter ist ein herrlich dauerwütender Carlos Homenidès de Histangua.

Caroline Dietrich reißt als seine Frau Lucienne den nach dem furiosen zweiten etwas schwächelnden dritten Akt raus durch ihre spanisch-deutsche Wut-Rede, mit der sie den Senor mental komplett zu Büchsenfleisch verwurstet. Der Gorilla schrumpft zum Gorillita, wie sie sagt. Brillant. Franz Josef Strohmeier, dessen Figur Camille mit dem Sprachfehler geschlagen ist, keine Konsonanten sprechen zu können, meistert dies „ou e ä“ (= souverän). Auch Dieter Bach, Aljoscha Langel, Sabrina Ceesay, Matthias Fuchs, Eva-Maria Keller, Christoph Förster, Klaus Strube und Güney Korkmaz überzeugen. Und Alexander Weise gibt als Romain Tournel hemmlungslos singend die Helene Fischer: „Atemlos durch die Nacht“.

Wieder am 19., 24.10. Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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