Viel besser als Pop-Aufsteiger Max Giesinger

"Die Höchste Eisenbahn" im Kulturzelt: Zu gut für diese Pop-Welt

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Kongeniales Duo: Francesco Wilking (links) und Moritz Krämer, die Köpfe der „Höchsten Eisenbahn“.

Kassel. Die Berliner Band "Die Höchste Eisenbahn" gilt zu recht als Liebling der Kritiker. Den Auftritt der vier Musiker im Kasseler Kulturzelt konnte nicht mal ein kleiner Skandal trüben.

Eine andere Band als "Die Höchste Eisenbahn" hätte sich womöglich auflösen müssen, wenn ihr so etwas passiert wäre wie im Kasseler Kulturzelt. Ihr Lied "Nicht atmen" widmeten die vier Berliner Musiker am Mittwochabend augenzwinkernd dem Rolling-Stones-Gitarristen Ron Wood - dem Lungenkrebs-Patienten, der gerade um sein Leben kämpfen musste. Politiker sind schon wegen weniger geschmackloser Sachen zurückgetreten.

Der "Höchsten Eisenbahn" indes kann man einfach nicht böse sein. Mit seinem Barock-Indiepop wurde das Quartett seit dem Debüt "Schau in den Lauf, Hase" (2013) zu Kritikerlieblingen. Diejenigen, die die Band bislang nicht kannten und von ihrer besten Freundin in das mit 500 Zuhörern gefüllte Kulturzelt mitgeschleppt wurden, sind nachher begeistert. Wäre die Welt gerecht, würde in den deutschen Charts nicht Max Giesinger ganz oben stehen, sondern "Die Höchste Eisenbahn". Aber der Pop-Aufsteiger Giesinger hat 160.000 Fans bei Facebook, "Die Höchste Eisenbahn" 16.000.

Dabei ist die Gruppe so etwas wie die Allstar-Band der Indie-Antistars. Sänger und Gitarrist Francesco Wilking war bereits mit seiner Formation Tele erfolgreich und schreibt nebenbei Filmmusik wie die Sachsen-Hymne für den Dresdner Volksmusik-"Tatort". Co-Frontmann Moritz Krämer ist einer der begnadetsten Songwriter des Landes, Multiinstrumentalist Felix Weigt spielte bei Kid Kopphausen, und Max Schröder ist nicht nur der Ex-Mann von Heike Makatsch, sondern auch der ehemalige Schlagzeuger von Olli Schulz.

Zusammen ergänzen sie sich kongenial. Krämer, dessen nuschelnd hingehauchter Stimme man stundenlang zuhören könnte, sieht aus wie ein schüchterner Kurt Cobain. Wilking könnte mit seiner Baseball-Cap gerade einem Boot entstiegen sein, nach dem in den 70ern das Genre Yachtrock benannt wurde. Die fröhliche Melancholie der Höchsten Eisenbahn klingt dann auch oft wie der Softrock von Steely Dan. Funk und Motown-Soul kann man aus den fluffigen Melodien ebenfalls heraushören.

Krämer nennt den Stil der Band einfach "Pop mit zu viel Text". "Die Höchste Eisenbahn" schafft es, über große Gefühle zu singen, über den Traum vom Eigenheim und Bankkredite, als wäre dies das Selbstverständlichste der Pop-Welt. "Meintest du das mit raus aufs Land?", heißt es, nachdem die Freundin mit dem neuen Nachbarn fremdgegangen ist. Zwischen den Liedern nehmen Krämer und Wilking sich selbstironisch auf die Schippe.

Sie reden über Max Giesinger, wegen dem sie bei Festivals nach 30 Minuten die Bühne räumen müssen, darüber, ob die ARD-Vorabendserie "Praxis Bülowbogen" besser ist als "Game of Thrones", und über die Verkopftheit der documenta 14, die sie sich am Nachmittag drei Stunden angeschaut haben. Wilking kündigte an, in fünf Jahren seine Siebdrucke in Kassel ausstellen zu wollen. Lieber wünscht man ihm aber, dass er mit seiner Band bis dahin zu groß fürs Kasseler Kulturzelt geworden ist. Sehr wahrscheinlich ist das leider nicht.

Alle Infos zum Kulturzelt gibt es auch bei Kassel-live.

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