Publikumserfolg und Gleichnis des Lebens: „Die Zauberflöte“ als zweite Bad Hersfelder Opernpremiere

Es ist das höchste der Gefühle

Intensives Spiel: Johannes Wollrab als Papageno. Foto:  Heinemann

Bad Hersfeld. Die „Zauberflöte“ hat zuerst als Einübung in die höhere Weisheit des Menschseins zu gelten. Das macht sie vertraut und fremd zugleich. Die Regie der zweiten Bad Hersfelder Opern-Neuproduktion will diese Diskrepanz überbrücken und findet vom Spiel zum Ernst des Lebens.

Akzentuiert der ostdeutsche Regisseur Hugo Wieg im ersten Akt das (Märchen-) Spiel, so im zweiten die Lebenslehre. Beides mit hohem Anschauungswert. Die Besucher in der fast voll besetzten Stiftsruine brauchten keinerlei Kompromiss gegenüber einer durchtechnisierten Theateraufführung zu machen. Papagenos Federkostüm fehlt ebenso wenig wie seine Vogelfänger-Menagerie. Die drei Damen stellen sich als schicke Opernbesucherinnen mit Fächer und Abendtäschchen ein. Die wilden Tiere tanzen ganz zahm. Die zur Selbsttötung bereite Pamina verbindet sich zuvor die Augen. Das erste Aktfinale ist mit Papagenos Rauswurf ebenso ausinszeniert wie im zweiten Akt die Feuer- und Wasserprobe mit akrobatisch-farbigem Ballett auf den Seitenbühnen.

Alle diese und noch mehr optische Details münden im zweiten Akt in eine eindringliche Konzentration der Gesten. Die Prüflinge lernen, sich auch ohne Zauberflöte und Glockenspiel liebevoll mitzuteilen. Sarastro erweist sich gar als Kinderfreund. Seine Priester übertreffen einander in Fürsorglichkeitsgebärden. Und das Papageno-Papagena-Paar übt sich schon vor der Ehe im Rosenkrieg. Es ist – mit diesen beiden zu sprechen – „das höchste der Gefühle“, wie dieser schlichte, leise Gestenzauber in Mozarts Musik eingesenkt ist. So hat das Publikum Grund genug, nach zweieinhalb Stunden einen Opernabend von höchster Seriosität und delikatem Unterhaltungswert zu feiern.

Denn nicht nur die Darstellung, auch die meisten jungen Darsteller beflügeln die musikalische Einweihung. Wer möchte nicht ein Prinz Tamino sein mit so viel tenoralem Grundkapital und Sinnlichkeit des Timbres wie Daniel Wagner. Eine bezopfte Pamina im lichtblauen Kleid (Kostüme: Ute Krajewski) und mit solchem Sinn für die Harmonie von Ton, Wort und Gefühl, für die filigrane Gesangslinie wie Irina Küppers.

Und die Allerweltsmenschen: Johannes Wollrab, als Papageno, der auch sängerisch umrissklare Spitzenunterhalter – köstlich sein Palaver mit vollem Mund und sein Flirt mit den beiden Oboistinnen im Orchestergraben. Tina Hermann, seine Papagena voller Flink- und Spitzzüngigkeit.

László Varga kostet die Noblesse seines Bassgesangs und der Sarastro-Dialoge aus und wir mit ihm. Iris Stefanie Maier kurvt fast makellos, stimmlich freilich noch ausbaufähig durchs Koloraturendickicht der nächtlichen Königin. Ein Sonderlob für die Virtuosi Brunensis, die sich unter der griffigen, wohl disponierten und mitfühlenden Leitung von Tilo Lehmann schon in der Ouvertüre auf flotte Fahrt einstellen.

Weitere Vorstellungen: bis 28. August an den geradzahligen Tagen, jeweils 20.30 Uhr. Karten: 0 66 21/ 50 67 13.

Von Siegfried Weyh

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