Die Hölle liegt im Odenwald: Streit um einen FAS-Text

Antonia Baum

Als Florian Roth und Denis Kern zum ersten Mal den Text lasen, der sie bekannt gemacht hat, dachten sie, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) habe sich einen Scherz erlaubt. Roth (34) und Kern (24) leben im Odenwald und lieben ihre Heimat, aber nun lasen sie, dass das Mittelgebirge im südlichsten Hessen die Hölle sei.

So beschrieb es die FAS-Redakteurin Antonia Baum in ihrem Text, der eine einzige Hasstirade auf das „pervers verkleisterte und kopflos verbaute Nachkriegs-, Nachwende- und Attrappendeutschland“ sei. Den Odenwald, in dem die Wahl-Berlinerin aufgewachsen war, beschreibt die 28-Jährige als „totale Geisteswüste“, die für sie einem Todesurteil gleichkam.

Überlebt habe sie nur, weil sie mit elf anfing zu kiffen und im Supermarkt immer Schminke von L’Oréal klaute, die „so viel besser aussah als der Odenwald“. Nicht einmal Knutschen half ihr, weil die Jungs „oft dumm waren“.

Der böse Text ist sehr gut geschrieben, aber eben auch eine einzige schallende Ohrfeige für alle Menschen, die die Provinz lieben – ob sie nun Odenwald oder Kellerwald heißen mag.

- Hier der FAS-Artikel

- Facebookseite Odenwaldhölle

- Onlineshop

Roth, dessen Schwester einst mit Baum in eine Klasse ging, sagt, die Odenwälder seien ein „stolzer Menschenschlag“, weshalb sie protestieren. Der IT-Berater rief die Facebook-Seite „Odenwaldhölle“ ins Leben, die heute mehr als 10 000 Fans hat. Dort begegnet man der Polemik mit einem Augenzwinkern.

So wie schwarze Rapper sich „Nigger“ nennen, vermarkten die Odenwälder ihre vermeintliche Hölle, die nüchtern betrachtet eher wie ein Paradies aussieht. Mit Kern, der eine Agentur betreibt, baute Roth einen Online-Shop auf, in dem man Odenwald-Shirts kaufen kann, die so hip aussehen, als kämen sie aus Prenzlauer Berg.

Auch Matthias Wilkes, der Landrat des Kreises Bergstraße, schaltete sich ein und verteilte kitschige Aufkleber mit dem Slogan „Ich bin ein Odenwälder“. In einem Protestbrief forderte der CDU-Politiker die „FAS“ auf, den Artikel richtigzustellen. Feuilleton-Chef Claudius Seidl hält ihn jedoch weiterhin für gelungene Literatur und empfahl ihn als Schullektüre. Seidl kennt sich aus in dem Genre – er schrieb einst ein Hass-Buch über Berlin, was in der Hauptstadt auch nicht gut ankam.

Von dem Ärger um den Odenwald-Text haben alle etwas. Ein ganzes Land schaut nun auf diesen Landstrich, dessen Orte Namen tragen wie Birkenau und Rimbach. Die „FAS“ berichtet seit Wochen über die Reaktionen auf den Text, der ein „Ich-muss-hier-raus-sonst-werde-ich-irre-Gefühl“ artikuliert, wie Baum sagt. Und die Autorin selbst wird bald Post bekommen. Roth und Kern wollen ihr ein Paket mit Spezialitäten aus dem Odenwald schicken.

Von Matthias Lohr

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