Hoeneß-Darsteller Thieme: Zu sachlich für Fußball

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Fiktion: Die Verteidiger (in der Mitte Hanspeter Müller-Drossaart) und Hoeneß-Darsteller Thomas Thieme.

Das ZDF erzählt im Dokudrama „Uli Hoeneß - Der Patriarch" am Donnerstag (20.15 Uhr) vom Gerichtsverfahren gegen Hoeneß. Thomas Thieme verkörpert Uli Hoeneß.

Der Uli-Hoeneß-Prozess glich einem Spektakel. Die Steuerschuld des FC-Bayern-Aufsichtsratsvorsitzenden wuchs auf 28,5 Mio. Euro, der 63-Jährige wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Im Film von Christian Twente spielt Thomas Thieme den Ex-Fußballweltmeister und Bayern-Manager.

Haben Sie sich auf die neue Bundesliga-Spielzeit gefreut? 

Thomas Thieme: Es gibt immer mal so Momente, wo man denkt, es reicht mir. Aber doch, ja, ich war schon so ein bisschen ausgetrocknet.

Sind Sie also Fußball-Fan? 

Thieme: Fan ist ein komisches Wort. Ich habe kein Fan-Potenzial und auch keinen Verein. Außer dass ich eine Sympathie für Eintracht Frankfurt habe, weil ich da 1984 gelandet bin, als ich aus dem Osten kam. Ich bin zu sachlich beim Fußball-Gucken. Zum Ausrasten neige ich da nicht.

Für viele hat Fußball stark mit Emotionen zu tun. Können Sie verstehen, dass Uli Hoeneß bei vielen FC-Bayern-Fans und im Umfeld des Vereins weiterhin als Held gesehen wird? 

Thieme: Ja, er hat ja höchstwahrscheinlich in der Bayern-Geschichte das Wesentlichste für diesen Verein beigetragen. Ich weiß nur nicht, ob er den Rufen, die ja kommen werden, wenn er wieder raus ist, unbedingt folgen sollte.

Als von einem Film noch gar keine Rede sein konnte, wie haben Sie die Ermittlungen gegen Uli Hoeneß und seine Verurteilung verfolgt? 

Thieme: Ich neige auch da nicht zum Fanatismus. Ich hab irgendwann mal „oha!“ gesagt, als die letzte Summe rauskam, so wie auch im Film alle „oha!“ sagen, von drei auf 28,5 Millionen, ein schöner Sprung. Ansonsten soll man die Gerichte arbeiten lassen. Falls mal etwas total schiefläuft, wird es vielleicht auch korrigiert. Obwohl der Fall Gustl Mollath, auch ein bayerischer Fall, ja hanebüchenes zutage gebracht hat, wie sich die Justiz irren kann. Mich hat gewundert, dass Hoeneß’ Selbstanzeige nicht gegriffen hat. Aber da ich davon nichts verstehe, muss ich das akzeptieren.

Das sind ja juristisch komplizierte und heikle Fragen, die man als Laie kaum durchschauen kann. Wie kann man diese schwierigen Sachverhalte in einem Film vermitteln? 

Thieme: Das kann man nicht. Man kann - und das hat der Regisseur Christian Twente fantastisch realisiert - das Material aus dem Gericht, also authentische Texte, emotional einordnen. Dazu hat man ja Schauspieler, und deshalb ist es fiktiv und nicht dokumentarisch. Natürlich muss man wissen: Was geht im Staatsanwalt vor, was geht im Richter vor, was in Frau Hoeneß, die sich das die ganze Zeit anguckt, und vor allem: Was geht in Uli Hoeneß vor? Das hat mit juristischer Aufarbeitung wenig zu tun. Die liefern die Texte.

In entscheidenden Momenten ist ja die Öffentlichkeit nie dabei - zum Beispiel beim Versuch, in Windeseile diese Selbstanzeige zusammenzuschustern. Wie schwer ist es, diese Lücken zu füllen? 

Thieme: Im Grunde genommen nicht schwer im Sinne von anstrengend. Das ist eine Geschmacks-, eine Bewertungs- und Intelligenzfrage. Es ist zum Beispiel die Frage, wie intelligent sich Hoeneß vor Gericht gebärdet hat. Die lange Erklärung hat er mit seinem Anwalt erarbeitet Dann kommt es darauf - und da ist Thieme gefragt, vielleicht der Regisseur und niemand sonst -, in welche Richtung wollen wir mit Hoeneß gehen. Für mich war die ganze Zeit klar, wohin ich nicht gehen will - das ist der Stammtisch. Ich werde nicht die Figur liefern mit dem roten Kopf, die denkt, sie hat immer recht. Das habe ich schon beim Kohl nicht gemacht, und jetzt auch nicht.

Wie nähern Sie sich einer solchen Figur? 

Thieme: Wir mussten das Ganze über zwei Punkte erzählen. Das letzte Bild vor dem Urteil: Er kommt mit seinen Anwälten, einer weißen Mappe, in einem offenen schwarzen Jackett und einer rot-weiß gepunkteten Krawatte selbstbewusst mit federndem Gang ins Gericht, lächelt und steht da wie Luther: Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. Das nächste Bild ist die Versammlung vor seinen Freunden bei Bayern, der Satz: Das war’s noch nicht. Dazwischen ist der Prozess. Aus diesen beiden Positionen eines Mannes - vorher, nachher - muss man versuchen, den Prozess zu betrachten.

Fällt Ihnen das leicht, sich einem Regisseur anzuvertrauen? Sie spielen die Hoeneß-Szenen, wissen aber gar nicht, wie das mit dem dokumentarischen Material montiert wird, welche Schlagseite ein Film womöglich erhält, welche Schlussfolgerungen die Zuschauer ziehen. 

Thieme: Einem Regisseur vertraue ich, wenn ich ihn akzeptiere. Ich hatte da immer verhältnismäßig viel Glück. Es ist natürlich immer mal was dabei, wo man denkt, das hättest Du vielleicht lieber allein machen sollen. Aber Christian Twente ist ein hochkompetenter Dokumentarfilmer, der dokumentarische Teil ist sowas von ausgezeichnet. Und beim fiktionalen Teil hat er nicht den Klugscheißer gemacht, der den Schauspielern lang und breit erzählt, wie sie ihre Rolle zu spielen haben, sondern sich sehr auf den Cast verlassen. Das war fast eine freundschaftliche Arbeit.

Sat. 1 erzählt den Fall Hoeneß demnächst als Satire mit Uwe Ochsenknecht. Hat die ganze Geschichte nicht wirklich auch etwas ungemeine Komisches? 

Thieme: Ja, klar. Jede griechische Tragödie hat komische Stellen: Wenn der Protagonist als Einziger nicht mehr auf der Höhe der Situation ist. Das ist auch bei Shakespeare so. Es wundert mich nicht, dass man da satirisch rangeht.

Die Fallhöhe ist immens. Ein Mann mit großer Vorbildfunktion, auch als Wohltäter bekannt, stürzt. 

Thieme: Ja.

Hoeneß löst deshalb Emotionen zwischen Häme, Schadenfreude und bedingungsloser Sympathie aus. Wo sortieren Sie sich da ein? Und sehen Sie das jetzt anders? 

Thieme: Ich darf mich damit gar nicht beschäftigen. Ich muss so nüchtern wie möglich bleiben. Das bin ich auch. Das war ein Kriminalprozess, der mit einem Urteil zu Ende gegangen ist. Das habe ich nicht stammtischmäßig zu kommentieren. Ich habe mich an die Fakten zu halten und rauszufinden - und zwar nur ich -, welche Emotionen sich in diesem Mann abspielen, der aus der Villa in Bad Wiessee in die Zelle nach Landsberg marschiert ist. Das ist mein Beruf. Ich habe keine Urteile zu kommentieren.

Würden Sie Hoeneß gern mal begegnen? 

Thieme: Ja, klar. Das wollte ich immer schon mal. Jetzt wäre es noch schöner, wo ich ein paar Tage in seiner Haut war. Das könnte ich mir gut vorstellen. Aber vielleicht findet er uns ja furchtbar.

Wie sehr fürchten Sie, auf so eine zeitgeschichtliche Rolle festgelegt zu werden? Ihr Kollege Armin Mueller-Stahl sieht man zum Beispiel immer als Thomas Mann. 

Thieme: Ich will mal so sagen: Seiner Karriere hat das nicht geschadet. Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist egal, ob man einen Lebenden spielt oder eine fiktive Rolle: Man muss es hinkriegen. Ich hab zuletzt auch eine Art Peter Altmeier gespielt. Winston Churchill - da hängt jetzt die Latte. Das wäre noch ‘ne Rolle.

Sie waren ein ganz renommierter und vielfach ausgezeichneter Theaterdarsteller. Warum ist Ihnen Film und Fernsehen so wichtig? Locken die bessere Bezahlung und die größere Popularität? 

Thieme: Man muss das Pferd andersrum aufzäumen. Ich hab ja nicht wegen des Drehens mit dem Theater aufgehört, sondern wegen des Theaters. Dann kam Freizeit zustande, und in diese Lücke sind die Angebote gekommen. Ich habe 40 Jahre intensiv Theater gespielt, 50 Hauptrollen, wenn’s reicht. Ich hab an allen großen Theatern gespielt. Irgendwann war’s okay. Ich war gegen 60. Ich hatte das Gefühl: Nun is’ mal gut. Ich hatte immer gute Fernsehangebote, aber wenn Sie große Shakespeare-Rollen haben, dann haben Sie keine Lust, im „Polizeiruf“ aufzutreten. Wenn man Theater wirklich liebt und kann, ist das sehr reizvoll. Bis zu dem Punkt, wo man vielleicht eine Rolle zu viel gespielt hat. Ich wusste nicht, dass das fast ultimativ das Ende ist.

Fehlt Ihnen das Theater manchmal? 

Thieme: Nein. Das ist das Erstaunlichste. Mir wurde prophezeit, ich komme nach einem Jahr angekrochen. Das ist bis jetzt nicht der Fall. Ich hatte auch Glück mit den anderen Sachen.

Viele Ihrer Kollegen würden alles dafür tun, die Bühne bloß nicht zu verlassen. 

Thieme: Das ist auch eine Frage von Angebot und Nachfrage. Es gibt Schauspieler, die kriegen fünf Anrufe am Tag, und andere einen Anruf im Jahr. Zwischen diesen Polen ist der ganze Beruf aufgehängt.

Was ist das für ein Gefühl, wenn wie kürzlich im Stuttgarter „Tatort“ zehn Millionen Menschen zusehen? 

Thieme: Das ist im Grunde abstrakt. Manche Menschen freuen sich, wenn sie einen erkennen und sprechen einen an, den Spaß soll man ihnen auch lassen. Alles andere interessiert mich an dieser Popularität überhaupt nicht. Ich bin nicht in der Position, in der es nervt. Es gibt ja Kollegen, die sind bekannt wie bunte Hunde. Das würde mir sicher auf die Nerven gehen. Ich habe nicht das Bedürfnis, immer in der Mitte zu stehen.

Zur Person

Thomas Thieme (66, geboren in Weimar) besuchte die Schauspielschule in Ostberlin, spielte in Magdeburg und Halle. 1981 stellte er einen Ausreiseantrag. Von 1984 bis 1990 war er am Schauspiel Frankfurt tätig, worin sich eine Sympathie für die Eintracht begründet. Thieme war Ensemblemitglied am Burgtheater Wien, der Schaubühne Berlin und am Schauspielhaus Hamburg. Er hatte zahlreiche TV-Rollen, in „Der Mann aus der Pfalz“ verkörperte er Helmut Kohl. Zuletzt war er im Stuttgarter „Tatort“ zu sehen. Er lebt in Berlin.

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