Poetische Arbeiten bei der Choreografischen Werkstatt im tif

Hoffnung ist ein Ort

Schwebendes Glück: Die Tänzerinnen Elisabetta Lauro (links) und Leyla Postalcioglu. Foto: Ketz

Kassel. Über allem liegt ein Hauch von Melancholie. Der Zauber des Abschieds wirkt. Zwei verlassen das Ensemble. „Hoffnung ist ein Ort“, lautet der Titel des kleinen Stücks, in dem der aus dem Kasseler Ensemble scheidende Benjamin Block mit César Augusto Cuenca Torres tanzt: Zwei Männer mit nacktem Oberkörper und dunklen Hosen, vom Wasser durchnässt, verwickeln sich ineinander, sind eine fließende Form auf dem Boden. Angespannte Muskeln malen helle Landschaften in das Scheinwerferlicht: Eine kinetische Skulptur, eine wunderbar sensible Arbeit von Torres bei der Choreografischen Werkstatt im tif.

Und noch mal zwei: Elisabetta Lauro und Leyla Postalcioglu, die ebenfalls das Staatstheater verlässt, finden sich wieder im „ewigen Sonntag“: Sie knicken sich langsam summend zum Boden herab, erobern sich die Gefühle Flucht und Angst auf allen vieren. Zum Schluss ist ihr Tanz (Choreografie: Elisabetta Lauro) zum Klezmer-Sound ein schwebendes Glück.

Im Stück von Benjamin Block wird eine Wolke an die Wand gemalt, drei (Torres, Lauro, Postalcioglu) sind einer zu viel: Geteilte Nähe, Eifersucht, Wehmut, ein Kosmos der Gefühle entwickelt sich im Tanz des Trios. Die Welt ist auch das, was wir aus ihr machen.

Werkstätten wie diese, hier in der Ausstattung von Matthieu Götz, sind Fundstätten der Begabung: Eva Mohn wagt in „A song of aging by her for him“ die tänzerische Studie eines alten Menschen. Langsame Bewegungen, gekrümmte Haltung, mühsamer Gang. Hineinwachsen in den Boden vor einer melancholischen Folie.

Vielleicht sind wir zwei in einem: Michele Meloni tanzt in seiner Arbeit „ I love you honey bunny“ in Unterrock und Herrenhemd ein androgynes Wesen, amüsant und witzig im Hin- und Herzappen zwischen den Geschlechtern.

Tanz ist vor allem Freiheit: In der kleinen Befragung und spielerischen Umsetzung der Antworten auf der Bühne von Sho Ikushima und Michele Meloni haben viele Zuschauer genau dies gesagt.

„Just a perfect day“, eine poetische Choreografie von Leyla Postalcioglu, erscheint dazu wie ein gemaltes Bild: Vier Tänzer (Benjamin Block, Anca Huma, Cesar Augusto Cuenco Torres, Elisabetta Lauro) erwachen aus angstvoller Erstarrung und befreien sich langsam in entrückten, aus der Zeit gefallenen Bewegungen. Es entstehen zärtliche Momente von Harmonie und Übereinstimmung mit sich selbst - der Tanz als sanfte Droge, um den Alltag zu überstehen. Stürmischer Applaus, tschüss ihr beiden, denkt an Kassel.

Von Juliane Sattler

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