Der Komponist Aribert Reimann im Interview über seine Shakespeare-Oper „Lear“, die heute in Kassel Premiere hat

„Hoffnung auf die jenseitige Welt“

Heute hat am Kasseler Staatstheater Aribert Reimanns Oper „Lear“ Premiere. Wir sprachen mit dem Komponisten.

Herr Reimann, wie sind Sie darauf gekommen, aus dem Shakespeare-Drama „König Lear“ eine Oper zu machen?

Aribert Reimann: Das liegt viele Jahre zurück. Es war 1968, als Dietrich Fischer-Dieskau mich frage, ob ich nicht den „Lear“ als Opernvorlage nutzen möchte. Ich habe zuerst gesagt: Das kann ich nicht.

Dennoch haben Sie die Oper über König Lear, der sein Reich unter seinen Töchtern aufteilen will und damit nur Unheil auslöst, geschrieben.

Reimann: Ich habe dann den „Lear“ immer wieder gelesen, und drei Jahre später habe ich ihm gesagt: Ich glaube, ich kann es machen. Denn meine Musik hat sich damals sehr verändert und andere, dunklere Farben bekommen. Ich kam auch gar nicht mehr davon los. Denn alles, was sich in dem Drama ereignet, kann sich auch in unserer Zeit ereignen. Das Festhalten der Macht, auch das Verlieren der Macht - hier durch die eigenen Töchter. Damit hatte ich den starken Zeitbezug, den ich immer brauche.

Haben Sie die Figur des Lear Dietrich Fischer-Dieskau auf den Leib geschrieben?

Reimann: Ja. Er hatte das große Bedürfnis, den Lear einmal als Sänger zu gestalten.

Wie sind Sie die Komposition angegangen? Sie sprachen die dunklen Klangfarben an.

Reimann: Ja, das war ein Weg dahin. Aber es kam natürlich vieles zusammen. Ich brauchte einen Schlüssel, wann und wie die Musik beginnt. Ich habe dann den ersten Satz - „Wir haben euch hierher befohlen, um unser Reich vor euren Augen unter unseren Töchtern aufzuteilen“ - nur von Lear allein ohne Orchester singen lassen. In dem Moment, als er das gesagt hat, weiß er, dass er einen großen Fehler gemacht hat. Hier setzt das Orchester ein. Und aus diesem Gefängnis, das sich nun um ihn herum entwickelt, kommt er nicht mehr raus. Das war für mich der Schlüssel des musikalischen Einstiegs.

Gibt es eine zentrale Szene in dem Stück?

Reimann: Die Szene des verstoßenen Lear nach dem Sturm in der Heide ist so ein Zentralpunkt. Man hat ja immer etwas, worauf man hinsteuert. Diese Szene mit Musik aufzufüllen war etwas, wohin es mich trieb. Ich hatte eine sehr große Orchesterbesetzung im Kopf. Ohne die wäre das alles nicht gegangen. Alles, was sich musikalisch in der Heideszene ereignet, ist eine Zerlegung des Sturms. Der Sturm setzt sich in den Streichern aus einer 24-tönigen Reihe zusammen, also die zwölf chromatischen Töne und nochmal die Vierteltöne dazwischen. Und dieser vertikale Aufbau im Sturm, der dann ins Zittern und in Bewegung kommt, der wird dann in der Heideszene zerlegt in lauter kleine Einzelteile.

Die Persönlichkeit der Töchter Goneril und Regan kann man musikalisch deutlich unterscheiden. Sehr nervös die Stimmführung Regans, kraftvolle Sprünge bei Goneril. Wie wichtig ist Ihnen Psychologie?

Reimann: Ganz wichtig. Vor allen Dingen bei diesen beiden. Goneril ist ja die Anstifterin zu allem. Regan ist mehr oder weniger die Ausführende. Die Macht Gonerils über ihre Schwester kommt im Laufe des Stückes immer mehr heraus. Daher habe ich von vornherein gewusst, dass Goneril ein hoch dramatischer Sopran sein musste. Und die sehr nervösen Koloraturen der Regan, die ihre Schwester sehr fürchtet, mussten höher liegen. Dagegen steht Cordelia als ein ausgesprochen lyrischer Sopran.

Die Kasseler „Lear“-Inszenierung ist schon die 22. Das Stück zählt zum Kern der neueren Operngeschichte. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?

Reimann: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich freue mich, dass es so ist. Woran es liegt, weiß ich nicht.

Können Sie für jemanden, der mit der zeitgenössischen Musik nicht sehr vertraut ist, eine Hörhilfe geben? Wie kommt man am besten in dieses Stück hinein?

Reimann: Indem man erst einmal keine Abwehrhaltung mitbringt, sondern alles auf sich wirken lässt. Man muss das sehr dramatische erste Bild über das erste Zwischenspiel hinaus erst einmal durchhalten. Ich höre immer wieder, dass sich Hörer ab dem Sturmmonolog dem Stück nicht mehr entziehen können. Man erkennt dann, dass es noch andere Dimensionen gibt, nicht nur Hass und Brutalität.

Am Ende von „Lear“ sind fast alle wichtigen Personen tot. Gibt es irgendeine Hoffnung in dem Stück?

Reimann: Ich glaube schon, dass es eine Hoffung gibt, wenn nicht in dieser, dann in der jenseitigen Welt. Denn das Stück endet ja mit einem ganz besonderen Klang. Eine Art durchlässiger Wand, wo man etwas ahnt. Lear sieht im Schlussmonolog die tote Cordelia in einer anderen Welt, in die er ihr nun folgen wird. Und die Oper führt in diese andere, in diese neue Dimension, die am Ende da ist und der man folgt, ob man daran glaubt oder nicht. Ohne diesen Schluss hätte ich diese Oper nie schreiben können.

Premiere: Heute, 19.30 Uhr, Opernhaus Kassel.

Von Werner Fritsch

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