Die Rockhelden Lou Reed und Metallica haben „Lulu“ von Frank Wedekind experimentell vertont

Hohe Kunst für die Mülltonne

Sie lassen sich nicht in die Augen schauen: Lou Reed (Mitte) mit den Metallica-Musikern (von links) James Hetfield, Rob Trujillo, Lars Ulrich und Kirk Hammett. Foto: Corbijn/nh

Satte 87 Minuten, verteilt auf zwei Tonträger und zehn Stücke, beträgt die Gesamtspieldauer von „Lulu“. Die Gemeinschaftsarbeit des New Yorker Musikers Lou Reed und Metallica, der in San Francisco ansässigen berühmtesten Metalband der Welt, ist damit so lang wie ein „Tatort“.

Ähnlich wie beim Gros der ARD-Sonntagskrimis, deren Qualität innerhalb der Fangemeinde oft arg umstritten ist, wird auch die Meinung zu „Lulu“ keine einhellige sein. „Ich glaube, man sollte dieses Album nicht nach den üblichen Standards des Heavy Metal beurteilen“, sagte Metallica-Gitarrist Kirk Hammett dem US-Magazin „Revolver“. „Für uns ist ‚Lulu’ eher eine Reise, auf die wir uns aus Abenteuerlust und Experimentierbegeisterung begeben haben.“

Lou Reed wiederum, der mit seiner Band The Velvet Underground Ende der 60er, Anfang der 70er Musikgeschichte und 1972 den Solo-Welthit „Walk on the Wild Side“ schrieb, ordnet „Lulu“ extrem weit oben auf der Qualitätsrangliste seines Gesamtwerks ein: „Das ist die beste Platte, die ich je gemacht habe“, sagt der grimmige Altmeister des Avantgarderocks.

„Lulu“ provoziert und bricht unsere Hörgewohnheiten. So mancher wird die Platte vermutlich als unhörbar in die Tonne kloppen. Es ist wirklich eine Anstrengung, sich durch „Lulu“ zu kämpfen. Und es ist ein Album, das Metallica-Fans weit stärker verwirrt als Freunde des ohnehin eher sperrigen Schaffens von Lou Reed.

Unterbeschäftigter Hetfield

Einzig „Iced Honey“ weist so etwas wie klar erkennbare Songstrukturen auf. Der Rest ist vor allem: ein großes Experiment. Nur zwei der Lieder sind kürzer als fünf Minuten, drei sind länger als zehn, „Lulu“ wirkt wie ein düsteres, metallisches Musiktheaterstück.

In der Regel beginnen die Songs verhalten und mit der prägnanten, dunklen Sprechstimme Reeds, im Verlauf gesellen sich Lars Ulrich, James Hetfield, Kirk Hammett und Rob Trujillo mit ihrem Wucht-rock dazu, wobei der Sänger Hetfield auf dieser Platte etwas unterbeschäftigt ist.

Die Initiative für die Zusammenarbeit lag bei Lou Reed. Man tauschte sich erstmals 2009 über das Projekt aus, als beide beim Konzert zum 25. Jubiläum der „Rock ’n’ Roll Hall of Fame“ spielten. Seinen anfänglichen Plan, Lieder aus seinem Schaffenskatalog mit den Metallern neu einspielen, verwarf Lou Reed später wieder.

Er wollte lieber zusammen die Stücke einspielen, die er für Robert Wilsons Inszenierung von „Lulu“ geschrieben hatte. „Lulu“ basiert auf „Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1904), zwei Tragödien des Dramatikers Frank Wedekind. Zusätzlich ließ sich Reed von Edgar Allan Poes Schauerstück „Der Rabe“ inspirieren.

Während das Urteil der Fans noch aussteht, haben sich die Betreiber der Londoner U-Bahn gegen „Lulu“ ausgesprochen. Das Plakat mit dem Albumcover - es zeigt den armlosen, blutunterlaufenen Torso einer jungen Frau sowie den blutroten „Lulu“-Schriftzug - musste in allen Tube-Stationen wieder abgehängt werden. Grund: Es ähnele zu sehr einem Graffiti.

Metallica und Lou Reed: Lulu (Mercury/Universal).

Wertung: !!!::

Von Steffen Rüth

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