Sänger von Chartplatz-Rennen genervt

Homberger Matthias Reim: "Hatte lange Jahre keine Heimat"

+

Viele Tausend Mal hat Matthias Reim seinen Hit „Verdammt ich lieb dich“ bereits gesungen und er wird es auch weiter tun, denn dieses Lied ist für ihn ein großes Glück: „In meinen Konzerten werde ich diesen Song niemals nicht singen. Das wäre so, als würden die, Scorpions ‘Wind Of Change’ nicht spielen. Dann wäre ich stinksauer“. Doch bei seinen Konzerten wird es nun auch einige neue Lieder zu hören geben, erscheint „Meteor“, sein neues Album am Freitag.

Sie sind jetzt 60 Jahre. In der Beschreibung zu Ihrem Album steht, Sie sind reifer, erwachsener geworden. Sind Sie mit 60 noch nicht erwachsen?

Reim: (denkt nach) Ich fürchte, damit haben Sie zum Teil recht. Hätte ich das, was ich heute weiß und das, was ich im Studio und im Songwriting kann, mit 30 Jahren gewusst und gekonnt, hätte ich vieles besser und souveräner gemacht. Aber auf der anderen Seite: Um Lieder zu schreiben wie „Meteor“, braucht man vielleicht auch eine gewisse unbekümmerte Jugendlichkeit. Aber – ein wenig erwachsener bin ich wohl schon.

(denkt nach) Ich fürchte, damit haben Sie zum Teil recht. Hätte ich das, was ich heute weiß und das, was ich im Studio und im Songwriting kann, mit 30 Jahren gewusst und gekonnt, hätte ich vieles besser und souveräner gemacht. Aber auf der anderen Seite: Um Lieder zu schreiben wie „Meteor“, braucht man vielleicht auch eine gewisse unbekümmerte Jugendlichkeit. Aber – ein wenig erwachsener bin ich wohl schon.

Sie stammen aus Homberg, lebten in Berlin, Hamburg, Florida und jetzt am Bodensee. Wie wichtig ist Ihnen Heimat?

Reim: Auch daran sieht man vielleicht, dass ich inzwischen erwachsener geworden bin: Es ist mir erst recht spät aufgefallen, dass es schön ist, an einem Ort zu leben, zu dem man sagen kann: Hier gehöre ich hin, hier bleibe ich. Ich hatte lange Jahre gar keine Heimat. Direkt nach dem Abitur in Homberg bin ich nach Kassel und Göttingen an die Uni und dann nach Berlin, Hamburg, Florida – und dachte, wo ich meinen Kopf niederlege, ist mein Zuhause. Das hat immer eine Zeit lang funktioniert, weil ich so bin.

Ihr Album heißt „Meteor“. Laut Duden eine Leuchterscheinung, die alles überstrahlt, aber auch sehr schnell verglüht.

Reim: Und wenn er aufschlägt, bebt die Erde. Das Symbol finde ich ganz schön.

Wie viel Wert legen Sie auf Chartplatzierungen?

Reim: Natürlich sind die Chartplatzierungen immer wichtig – sie sind ein Maßstab des Erfolgs. Man hat ein Bild davon, wie die Musik beim Publikum ankommt. Aber dieses Rennen um die besten Chartplätze geht mir oft auf die Nerven. Wenn ich komponiere und texte, denke ich nicht an die Charts. Besonders im Augenblick nicht: Ich habe mit meinem neuen Album versucht, mich zu erneuern und einen Weg zurück zu meinen Wurzeln zu finden. Aber am Ende entscheiden die Fans. Und die Charts...

Sie haben sehr treue Fans.

Reim: Ja, aber sie sind nicht kritiklos treu. Sie haben durchaus was in der Birne, und die mich seit Jahren begleiten, nehmen auch kein Blatt vor den Mund. Wenn es ihnen nicht gefällt, was ich mache, werde ich auch schon mal abgewatscht.

Sie kennen auch Krisenzeiten. Wie sehen Sie die derzeitige Diskussion um Stars und die Gefahr von Depressionen?

Reim: Es ist letztlich eine Branche, die massiv aus Persönlichkeiten besteht. Aus einer gewissen Art von Exhibitionismus. Wenn man für das lebt, was man tut, kann man auch seelisch untergehen, wenn das, wofür man arbeitet, nicht angenommen wird oder man keine Ziele mehr hat. Da kann man durchaus in Depressionen verfallen. Ich habe mich verweigert, so etwas zu bekommen. Hatte aber einmal eine Depression für 48 Stunden – am tiefsten Punkt meines Lebens.

Wann war das?

Reim: Als ich erfahren habe, dass ich völlig pleite bin und die Bild-Zeitung geschrieben hat, dass ich von Gerichtsvollziehern gejagt wurde. Mich hat niemand gejagt. Ich habe mich nie versteckt. Diese Schlagzeile ging an meine Ehre. Ich wurde öffentlich zerlegt.

"Ich wurde öffentlich zerlegt": Matthias Reim über die Zeit seiner Pleite. 

Sie sagen, die Gefahr, eine Eintagsfliege im Musikgeschäft zu werden, ist größer denn je. Ihre Tochter Marie steht jetzt als Sängerin auf der Bühne, haben Sie ihr davon abgeraten?

Reim: Ich mache es so, wie mein Vater es damals bei mir gemacht hat. Er kannte meinen Traum und riet mir, weiterzustudieren und einen Plan B zu haben. Das habe ich auch meiner Tochter gesagt. Ich finde es noch sehr früh und sie ist noch sehr jung. Den Plattenvertrag hat sie sich selbst geholt.

Ist der Song „Verdammt noch mal gelebt“ Ihre Lebensbilanz?

Reim: Für eine Bilanz wäre es noch zu früh. Für mich ist das Musikerleben noch lange nicht beendet. Da geht es mir wie vielen Künstlern – wie bei Udo Jürgens, Leonard Cohen oder den Rolling Stones – man hört nicht auf. Aber es ist mein Lebensmotto: Ich habe immer versucht, es beruflich und privat richtig zu machen. Es oft nicht hinbekommen. Aber ich habe es versucht. Darum geht es. Das Leben hat mit mir gespielt, man kann es nicht immer beeinflussen, aber ich habe mich ihm gestellt.

Sie haben während Ihrer Schulzeit in Homberg eine Band gegründet. Ihre Vorbilder waren Ozzy Osbourne und Jimmy Page. Wie hätte der junge Matthias Reim reagiert, wenn man ihm gesagt hätte, dass er Schlagermusiker wird?

Reim: Ich hätte das Gesicht verzogen. Aber ich bin’s ja auch nicht im eigentlichen Sinne geworden: Ich mache eigentlich keinen Schlager, sondern meine Musik. So ein Zwischending, inspiriert durch die Rockmusik der 70er-Jahre und das mit deutschen Texten.

Matthias Reim: Meteor (Rca Deutschland/Sony Music)

Konzert: 18.8. Schlager-Stern Willingen mit Matthias Reim Vanessa Mai, Nik P. und anderen. www.schlagerstern-willingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.