Vor mehr als 500 Zuhörern las Günter Grass aus seinem neuen Buch „Grimms Wörter“

Hommage an die Grimms

Ausdrucksstark: Günter Grass bei seiner Lesung im großen Hörsaal der Uni Kassel. Foto:  Fischer

Kassel. Mehr als 500 sind gekommen, um ihn zu hören und zu sehen: Günter Grass. Auf Einladung des Instituts für Germanistik und der Thalia-Buchhandlung las der Literaturnobelpreisträger am Freitagabend im großen Hörsaal der Universität. Und weil in diesen Hörsaal die Massen nicht passten, wurde die Veranstaltung per Video auf die Leinwand des Nachbarhörsaals übertragen.

Welcher Veranstalter von literarischen Lesungen wünschte sich nicht eine solche Resonanz bei weniger bekannten Autoren? Die müssen ja nicht zwangsläufig schlechter sein. So ist nicht ganz auszumachen, ob die Leute aus purem Interesse an dem neuen Werk des Berühmten gekommen sind, oder ob sie ihn einfach nur mal erleben wollten. Grass ist schließlich schon 83 Jahre alt vielleicht war das eine der letzten Gelegenheiten.

Große Vorbilder

Mit seinem neuen Buch „Grimms Wörter“ gehöre Grass ebenso nach Kassel wie die Grimms, hätten die beiden berühmten Dichter doch hier ihre arbeits- und fruchtbarste Zeit verbracht, wie Oberbürgermeister Bertram Hilgen in seinem Grußwort bekundete.

Nun ja, in Sachen Grimm-Forschung hat man sich in Kassel bisher nicht übermäßig hervorgetan. Eine neu eingerichtete Junior-Professur soll es nun richten. Grass las aus drei Abschnitten seines Buches, das kein Roman und keine Biografie ist, sich vielmehr - wie der Untertitel verlauten lässt - als „Liebeserklärung“ versteht: als Liebeserklärung an zwei große Vorbilder, an die politisch Unbeugsamen von 1837, an die Märchensammler und Philologen, die seit 1838 mit ihrem Mitarbeiterstab am „Deutschen Wörterbuch“ arbeiteten.

Eine Seelenverwandtschaft

Die Liebe zu Jacob und Wilhelm: Man nimmt sie Grass gern ab. Es liest ein Seelenverwandter, der sich an der schönen Wörtersammelwut der Philologen ebenso ergötzt wie er ihren Widerstandsgeist hoch achtet, es liest ein Bewunderer, der die Auswüchse des Zeitgeists aufmerksam registriert, ohne ihnen zu verfallen. Und wie Grass liest: Er spricht mit klarer, angenehmer und fester Stimme. Bisweilen gestikuliert er sacht mit den Händen, wenn ihn der eigene Text erregt.

Ja, man lauscht ihm gern, dem Günter Grass. Das ist im Lesungsbetrieb nicht immer der Fall, wo manche nuscheln, andere nicht wissen, wo und wie sie ihren eigenen Text betonen sollen. Zuletzt wird herzlich applaudiert. Dann folgt die lange Schlange derer, die sich ihr Grass-Buch signieren lassen wollen.

Von Andreas Gebhardt

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