Satiriker Wiglaf Droste las in der Caricatura

Hornhaut auf der Seele

Wiglaf Droste Foto: Albrecht

Kassel. Humor ist bisweilen eng mit Ernüchterung verknüpft. So blitzte am Dienstagabend in der Caricatura eine Art Traurigkeit durch die bissigen Worte des Satirikers Wiglaf Droste, als er vor 100 Zuschauern las. Doch alle ernsten Inhalte waren lustig verpackt, stilsicher in Ironie und Sarkasmus gekleidet. Humor als Schutz gegen die Widrigkeiten der Welt?

Drostes Zeitdiagnosen jedenfalls sind treffend. So belächelt er den evangelischen Kirchentag, der kürzlich in Dresden stattgefunden hat. Dort beschäftigte man sich mit den wahrhaft wichtigen Fragen wie „Darf man Nazis konfirmieren?“. Verwundert zeigt Droste sich über die psychische Verfassung der heutigen Jugend und führt als Beweis für deren übermäßiges Schutzbedürfnis die Textzeile der Band Silbermond „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“ an. Das klinge schon sehr nach Wolfgang Schäuble. Zudem entpuppt sich Droste als feinsinniger Sprachliebhaber. Er bekomme eine Trommelfellzirrhose, wenn er Sätze hört wie: Ein Paket wird beschlossen. „Pakete werden nicht beschlossen und auch nicht verabschiedet.“

Manchmal, fast unbeabsichtigt, sagt er Sätze, die sehr wahr klingen. Sätze wie „Draußen kann man nicht lüften“ oder „Pragmatismus ist die Wurzel aller Hässlichkeit.“ Droste ist ein Ästhet, der mit den Waffen des Sarkasmus für mehr Schönheit in der Welt kämpft. Über den Satz einer Paarvermittlungsagentur „Liebe ist, wenn es passt“ mokiert er sich: „Warum noch suchen, gucken, riechen, hinhören, wenn es so einfach ist?“, fragt er. Dagegen seien die Worte „Fetisch-Piss-Busen“, die er einmal im Hamburger Rotlichtviertel gelesen habe, reine Romantik.

Seine humoristische Beschäftigung mit der Welt ist vielleicht seine Art, sich ein bisschen Hornhaut auf der Seele wachsen zu lassen.

Von Yvonne Albrecht

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