Hüpfer vor Glück: Marianne Birthlers bewegende Lesung in Vellmar

Marianne Birthler Foto: von Busse

Vellmar. Marianne Birthler, ehemalige Bildungsministerin in Brandenburg, Vorsitzende von Die Grünen/Bündnis 90 und Leiterin der Stasiunterlagen-Behörde, stellte in Vellmar ihre Erinnerungen vor.

Am Tag, als Marianne Birthler von ihrer Schwangerschaft erfuhr, starb eine Hoffnung. Am 21. August 1968 besuchte die 20-jährige Berlinerin, damals beschäftigt beim DDR-Außenhandel, eine Arztpraxis. In der Tschechoslowakei marschierten an diesem Tag sowjetische Truppen ein, dem Prager Frühling folgte tiefe Depression.

Das junge Paar, das bald Eltern werden sollte - er war 21 und künftiger Tierarzt - heiratete. Die Mütter organisierten die Hochzeit, alles hatte einen „Hauch von Konfirmation“. Bei der Tischordnung waltete Vorsicht: Ihre Westtante, im Springer-Verlag tätig, durfte bloß nicht mit seiner Tante, der „roten Lore“, aneinandergeraten.

Prägnante, bewegende Erinnerungsskizzen las Marianne Birthler, ehemalige Leiterin der Stasiunterlagen-Behörde, Montagabend in Vellmar. Die Besucher im vollen Kirchenzentrum hingen an ihren Lippen.

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Birthlers Leben war facetten- und abwechslungsreich, es hatte lauter unerwartete Wendungen. Die dreifache Mutter war 1989 Jugendreferentin im Stadtjugendpfarramt von Ostberlin, wurde Abgeordnete in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, später Bildungsministerin in Brandenburg und Grünen/Bündnis 90-Vorsitzende. Ihre Ost-West-Biografie spiegelt aufregende deutsche Geschichte. Die 66-Jährige verstand es, beim Literaturverein Ecke und Kreis lebendig, anschaulich und sympathisch davon zu erzählen. Probleme mit dem Mikro nahm sie mit Humor: „Das sieht doch so toll aus, wie ausm Westen.“

Die Ausschnitte, die Birthler stellvertretend für die wechselvollen Etappen ihres Lebenswegs vorlas, hatte sie klug gewählt: den „spektakulären Austritt aus der FDJ“, nachdem sie als Mitglied der Jungen Gemeinde unter Druck geraten war, aber auch „Inseln der Angstfreiheit“ in der Oberschule. Den Start ihrer Ehe im Prenzlauer Berg, zwei dunkle Zimmer, Kohleofen, kein Bad. Der 9. Oktober ’89 in der Gethsemanekirche, in Leipzig war die Lage „auf Messers Schneide“. Das bange Warten, ob die Staatsmacht die Demonstration dort gewaltsam auflöst. Das Glück, zu spüren, dass „die Machthaber auf dem Rückzug sind“ - einschneidender noch als der Mauerfall. Kanzler Schröder, der mit Rotwein und Zigarre ins Kanzleramt zitiert.

Die Einheit nennt Birthler auf Nachfrage des Publikums eine „Erfolgsgeschichte“: „Zum Tempo gab es keine realistische Alternative.“ Die Linke, „bunt wie eine Tüte Haribo“ mit alten Nostalgikern, anständigen Kommunalpolitikern und Spinnern aus dem Westen, nennt sie ein „Ärgernis“, weil sie „nie wirklich eine Absage an die DDR gemacht hat“. Wenn hingegen Birthler mit dem Rad den Verlauf der Mauer passiert, macht ihr Herz noch manchmal „kleine Hüpfer vor Glück“.

Von Mark-Christian von Busse

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