Edgar Selge und Franziska Walser setzten sich mit Rilkes „Duineser Elegien“ auseinander

Hundert Minuten Staunen

Letzte Besprechung vor dem Rilke-Marathon: Edgar Selge und Franziska Walser vor ihrem Kultursommer-Auftritt in der Wehrkirche Kirchbauna. Foto: Malmus

Baunatal. Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“ können nerven. Gewaltig nerven. Unmäßig sind diese zehn Klagegesänge, die im Zeitraum von zehn Jahren zwischen 1912 und 1922 entstanden und die ihren Namen dem Schloss Duino bei Triest verdanken, wo Rilke seine lyrische Großtat begann.

Unmäßig ist diese weitläufige Dichtung in ihrem Anspruch, eine existenzielle Bestimmung des Menschen und eine postreligiöse Mythologie zu umreißen. Schwer zugänglich ist dieser Zyklus mit seiner eigenwilligen Sprache voller verrätselter Bilder. Rilke selbst war sich bewusst, dass nicht Lektüre, sondern gesprochene Sprache die den „Duineser Elegien“ angemessene Darbietung sei - Überforderung inklusive.

Das Schauspieler-Ehepaar Edgar Selge und Franziska Walser versuchte bei seinem Auftritt beim Kultursommer Nordhessen in der Wehrkirche Kirchbauna (Kreis Kassel) diese Problematik gar nicht erst wegzureden. Es sei so, als ob man mit einer Taschenlampe in eine große Höhle hineinleuchte, sagte Franziska Walser, und Edgar Selge sprach von einem Dokument existenzieller Orientierungslosigkeit: „Wenn Sie’s nicht verstehen - ist das genau das Thema.“

Was dann allerdings folgte, war nicht Unverständnis. Es waren hundert Minuten des Staunens. Zunächst über die kaum zu ermessende Gedächnisleistung Selges und Walsers, die abwechselnd den gesamten Zyklus auswendig vortrugen. Aber nicht nur vortrugen: Edgar Selge lieh dem dichterischen Ich seine Stimme, seine Gesten. Faszinierend zu erleben, wie er jedem Gedanken seinen spezifischen Ton gab, jedem Gefühl seinen körperlichen Ausdruck.

Gleichzeitig aber hielt Selge so etwas wie eine fragende Distanz zum Dichter Rilke. Als ob er den Kopf schüttelte über dessen Versuch, in hoher Sprache und in immer neuen Anläufen die menschliche Existenz zwischen Sternenhimmel, Engeln und dem Grab im Erdreich auszumessen.

Zupackender als der sinnende, sich quälende Selge, aber auch pathetischer und mitunter grober ging Franziska Walser mit den Texten um. Sogar laut wurde sie bei Rilkes wiederholt trotzigem „Hab ich nicht recht?“ in der vierten Elegie, in der die Gebrochenheit des Menschen am eindringlichsten beschworen wird.

Die „Duineser Elegien“, deren Entstehungsphase den gesamten Ersten Weltkrieg einschließt, stellen zwar einen Markstein der neueren deutschen Lyrik dar. Doch dieser Abend vermittelte auch, wie fern diese Texte in ihrem Hadern mit den Bedingungen der menschlichen Existenz der heutigen Zeit sind.

„Gleich haben wir’s geschafft“, sagte Franziska Walser vor der zehnten Elegie, in der Rilke, nicht ganz ohne Bitterkeit, einen Ausgleich zwischen den „Bergen des Urleids“ und der „Quelle der Freude“ sucht. Erfüllt und dankbar verließen die gut hundert Besucher danach die kleine Kirche.

Von Werner Fritsch

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