Ibsens "Volksfeind" in Kassel: Wie einer Tyrann wird

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Permanent im Wasser: Christina Weiser (Katrin, von links), Michaela Klamminger (Petra), Bernd Hölscher (Tomas Stockmann), Christoph Förster (Billing) und Ingrid Noemi Stein (Hovstad).

Kassel. Ein Gutmensch wird zum Wutbürger: Markus Dietz inszeniert Henrik Ibsens „Ein Volksfeind" am Kasseler Staatstheater. Bei der Premiere gab es viel Jubel.

Kassel. Es reißt die Besucher von den Sesseln, wenn am Ende der Aufführung Bernd Hölscher nach vorn tritt. Jubel, tosender Applaus im Stehen. Der Premierenabend am Samstag im fast ausverkauften Schauspielhaus wird zum Triumph für den Ausnahmeschauspieler am Kasseler Staatstheater. Als Badearzt Doktor Tomas Stockmann vollzieht er in Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ die Wandlung vom nachdenklichen Wissenschaftler, der über eine Gesundheitsgefährdung aufklären will, zu einem Tyrannen der moralischen Überlegenheit, einem Diktator seiner Wahrheit, die er für die einzige hält.

Wie Bernd Hölscher das gestaltet, mit welcher Präzision, physischen Präsenz und vor allem ohne jede Selbstgefälligkeit, ist herausragend. Körperkraft und Feingeist gehen in seinem Spiel eng zusammen.

Ebenso wie die Interaktion mit dem übrigen Ensemble, allen voran Enrique Keil als sein Bruder und politischer Widerpart Peter: Keil spielt – besonnen und trotz allem politischem Taktieren auch brüderlich-fürsorglich – den Bürgermeister jenes Kurortes, in dessen Heilwasser der Badearzt schädliche Mikroorganismen gefunden hat.

Muss man die Verseuchung öffentlich machen? Oder darf man nicht, weil politischer und wirtschaftlicher Schaden zu groß wären? Henrik Ibsens Dramentext erklingt hier glasklar und von bezwingender Aktualität.

Regisseur Markus Dietz präpariert die Interessenkonflikte der Stadtgesellschaft wie unter dem Vergrößerungsglas heraus: Der Kapitalist Morten Kiil (Uwe Steinbruch in einer herrlich bärbeißigen Rollenminiatur), der Lobbyist Aslaksen (Christian Ehrich als leisetreterischer Strippenzieher), die Zeitungschefin Hovstad (Ingrid Noemi Stein als opportunistische Kampagnenmacherin) und ihr Angestellter Billing (Christian Förster als Karrierist unter dem Deckmäntelchen des Revoluzzers).

Dazu Tomas Stockmanns Ehefrau Katrin (zunehmend resigniert: Christina Weiser), die unverbrüchlich zu ihm haltende große Tochter Petra (Michaela Klamminger mit viel Charme und toller Sprachgestaltung) sowie die beiden kleinen Kinder (Lili Ansorge, Elias Birkhahn).

Bei einer großen Versammlung soll die Bevölkerung aufgeklärt werden. Hier wird plötzlich auch das Publikum angesprochen, was die subtile Manipulation durch alle Akteure umso beunruhigender wirken lässt.

Auf einer mit Wasser bedeckten Spielfläche wird geplanscht und gewatet, turmhoch sind Wasserkästen an den Seiten gestapelt, die zu Stegen, Podesten, Sitzen umfunktioniert werden können. Hellblaues Leuchten erzeugt mal Freibad-Feeling, mal Giftbrühen-Assoziation – wieder ein großer Wurf von Bühnenbildner Daniel Roskamp.

Auf einer Leinwand werden zwischen den Akten Videos eingespielt (Daniel Hengst), wo die Dramenfiguren voll bekleidet in einem Wasserbecken schwimmen. Wie in einem utopischen Raum scheint hier ein harmonischer Einklang mit dem nassen Element zu herrschen. Wohingegen es auf der Bühne für die Figuren zunehmend unangenehm wird. Man rutscht aus, schlägt lang hin, hat dauernd nasse Schuhe und Hemden (Kostüme: Ulrike Obermüller).

Das allgegenwärtige Wasser lässt wichtige Papiere durchweichen, Blusen triefen, Hände dauernass sein. Ein schöner Effekt: Was man anfasst, ist wie kontaminiert. Entziehen kann man sich nicht, an jedem klebt es.

Wieder am 16.6., 1., 10., 13.7., Karten: 0561/1094-222.

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