Interview: Künstlerin E. R. Nele über ihre Kasseler Kindheit, die documenta und das Mahnmal „Die Rampe“

„Ich beobachte Menschen“

„Entscheidend für mich“: E. R. Nele vor ihrer Installation „Die Rampe“ auf dem Kasseler Uni-Gelände. Fotos: Fischer/Galerie Heike Strelow

Die Künstlerin E. R. Nele wird heute 80 Jahre alt. Die Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode, die in Kassel aufwuchs, hat in Kassel die Installation „Die Rampe“ geschaffen, die auf dem Uni-Campus an die Deportierten des Holocaust erinnert.

Bedeutet Ihnen Ihr runder Geburtstag etwas?

E.R. Nele: Nö. Es geht weiter.

Sie sind auch ungebrochen künstlerisch tätig.

Nele: Natürlich. Als Künstler geht man nie in Ruhestand. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das ist.

Wie ist es zu Ihrem Künstlernamen gekommen? War der Name Bode in der Kunstwelt zu sehr mit Ihrem Vater verbunden?

Nele: Auf jeden Fall. Aber ich hab das gemacht, als ich sehr jung war. Ich heiße Eva Renée Nele. 1939, als ich in die Schule kam, wurde mein Vorname Nele verboten. Der Name Renée, französisch mit accent aigu - meine Mutter war Elsässerin - wurde auch verboten, so hieß ich unglücklicherweise in der Schule Eva und zu Hause Nele. Den hab ich zum Hauptnamen gemacht, weil ich das als Kind absolut grauenhaft fand. Die Nazis haben mir einfach den Namen genommen. Waren diese Jahre des Nationalsozialismus prägend für Sie?

Nele: Das hab ich als Kind nicht so ganz deutlich erlebt. Aber eine lustige Zeit war das nicht, weil mein Vater verbotener Künstler war und meine Eltern bei den Großeltern lebten, bis mein Vater endlich einen Job bei seinem Bruder bekam.

Ihre Arbeiten reichen von monumentalen Stahlplastiken bis zu filigranen Schmuckstücken - was verbindet sie?

Nele: Wenn ich Schmuck mache, spiele ich mit Steinen und Formen. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, kleine Modelle zu bauen. Das mache ich für alle meine Skulpturen.

Ihr Werk sei „als ein Ringen mit und um das Menschsein zu verstehen“, meint Ihre Galerie. Was macht den Menschen aus?

Nele: Ich beobachte Menschen, Haltungen. Ich nehme das optisch wahr und setze es um. Der Mensch in seinem Umfeld. Das Holocaust-Mahnmal bezieht sich auf Menschen und auf die Zeit.

Bedeutet Ihnen diese Kasseler Installation besonders viel?

Nele: Ja. Sie ist entscheidend für mich. Auf dem Zimmereiplatz meiner Großeltern hinter den Henschel-Werken habe ich die fürchterlich kaputten, traurigen Gestalten, die zu Tode gearbeitet wurden, auf dem Weg ins Lager beobachtet. Meine Mutter hat ihnen unter eigener Lebensgefahr Schuhe, Brot und was auch immer zugesteckt. Uns Kinder hat sie spielen lassen, damit es ablenkt.

Haben Sie je am freien Künstlerdasein gezweifelt?

Nele: Das kann ich mir nicht leisten. Ich hab immer gearbeitet und versucht zu realisieren, was mir wichtig war, was einfach gemacht werden musste.

Haben Sie eine Lieblingsdocumenta?

Nele: Die von 1959, als in grandioser Weise die Skulptur in den Vordergrund gerückt wurde, mit Picassos Wasserbecken, Henry Moore. Ich hab als Werkstudent beim Aufbau mitgeholfen. Ich kannte viele Künstler, das waren wunderbare Begegnungen.

In Ihrem Elternhaus gingen die Künstler ein und aus, sie wurden oft bei Ihnen bewirtet.

Nele: Oft? Immer! Es gab ja keine Restaurants.

Die documenta hatte in ihren Anfängen die klare Programmatik, die freie Kunst zu präsentieren. Da gab es Nachholbedarf.

Nele: Nicht freie Kunst, sondern Kunst, die die Nazis aus den Museen geholt und verschleudert hatten für Waffen. Die musste weltweit zurückgeborgt werden. Für diese verlorenen, wunderbaren Künstler wollte mein Vater unbedingt Aufmerksamkeit.

Warum gehört die documenta nach Kassel?

Nele: Das ist keine Frage. Das ist ihr Entstehungs- und Wirkungsort über viele Jahre. Es gibt heute, anders als damals, überall viele große Ausstellungen. Außerdem hat Kassel eine gewisse Geborgenheit, Überschaubarkeit, Konzentration.

Was ist in Frankfurt besser?

Nele: Das ist eine sehr lebendige, spannende Stadt, aber das hat ja nichts damit zu tun, dass man hier auch noch eine documenta machen müsste. E. R. Nele wird mit der Ausstellung „Yesterday & Tomorrow“ im Karmeliterkloster Frankfurt, Münzgasse 9, geehrt (bis 20. Mai). Die Galerie Heike Strelow in Frankfurt, Hanauer Landstraße 52, zeigt bis 24.3. „E. R. Nele. Leben - eine Hommage“.

Von Mark-Christian von Busse

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