„Ich bin so eine Art Karl May“: Musiker Shantel im Interview

Einer der gefragtesten Live-Acts weltweit: Der Frankfurter Musiker Stefan Hantel (44) alias Shantel gastiert am Freitag beim Umsonst-und-draußen-Festival „Mind the Gap“ des Schlachthofs im Kasseler Nordstadtpark. Foto: Schröder/nh

Stefan Hantel hat aufgehört zu zählen. „Gefühlte 380 Konzerte“ hat der Frankfurter Musiker, der sich Shantel nennt, in diesem Jahr mit seinem Bucovina Club Orkestar weltweit gespielt. Am Freitag gastiert Deutschlands „größter Exportschlager“ („Prinz“) mit seinem Balkan-Pop beim großen Umsonst-und-draußen-Festival „Mind the Gap“ des Kulturzentrums Schlachthof im Kasseler Nordstadtpark. Wir sprachen mit dem 44-Jährigen.

Herr Hantel, Sie sind seit April auf Tour. Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie abends überlegen müssen, in welcher Stadt Sie gerade auftreten?

Stefan Hantel: Manchmal wache ich morgens im Hotel auf und weiß nicht mehr, wo ich bin. Aber ich werde auf der Bühne in Kassel nicht sagen: „Hallo Hamburg.“ Ich verstehe auch nicht, warum manche Musiker über Reisestrapazen klagen. Für mich ist das ein Privileg. Wem das zu anstrengend ist, der soll keinen Rock’n’Roll machen, sondern Kühlschrankverkäufer werden.

Sie waren auch schon viel unterwegs, bevor sie Musiker waren und haben in Paris, New York und Tel Aviv gelebt.

Hantel: Heute entdecken die jungen Menschen die Welt am Rechner statt zu reisen. Für mich war das früher ganz normal. Ich wollte raus aus der deutschen Alltagsspießigkeit. Schon mit 16 bin ich nach Berlin, weil ich vor der Bundeswehr geflüchtet bin. Dann war ich mal hier und mal da und habe dabei mehr gelernt als auf jeder Uni. Allerdings muss ich sagen: Nirgends ist es wirklich anders. Und schlecht ist es in Deutschland auch nicht.

Wie würde Ihre Musik klingen, wenn Sie nicht dauernd unterwegs wären?

Hantel: Das Reisen hat keinerlei Bedeutung für die Musik. Ich bin eher so eine Art Karl May. Der hat seine besten Romane auch geschrieben, bevor er im Wilden Westen war. Ich komme gerade aus Rumänien, von dem man hier ein romantisches Bild hat: Man stellt sich so eine rustikale Rückständigkeit vor. Für mich ist das eine unterschwellige Form von Rassismus. Aber wenn man nach Bukarest reist, wird man feststellen, dass sich dort kaum jemand mit traditioneller Musik beschäftigt. Überall läuft House und Dubstep. Die jungen Menschen finden es total uncool, sich mit traditionellen Stilen zu beschäftigen.

Und trotzdem feiern Sie auch dort große Erfolge, indem Sie Balkan-Pop mit Elektronik, Rock und Jazz zusammenführen. Vor Jahren haben Sie mal den Satz gesagt: „Letztlich mache ich elektronische Musik. Der Trick dabei ist, dass man es nicht hört.“ Gilt das immer noch?

Hantel: Das würde ich noch so unterstreichen. Wir haben zum Beispiel in den vergangenen Jahren versucht, das Anhängsel DJ zu eliminieren, weil es für viele etwas Erniedrigendes hat. Die denken, ein DJ sampelt sich nur etwas zusammen. Dabei war ich schon immer Musiker, der sich auch für Elektronik interessiert hat.

Vorreiter waren Sie auch, als Sie schon Mitte der 90er Ihre eigene Plattenfirma gründeten.

Hantel: Als wir damals unser Label und die Booking-Agentur gründeten, wurden wir belächelt. Aber diese Unabhängigkeit ist heute unser Vorteil in einem Musikmarkt, in dem man sich nur noch auf die Blockbuster konzentriert. Ich habe auch schon Anfragen von Madonna bekommen für Co-Produktionen und Remixe und habe sie abgelehnt. Wenn du mit Madonna zusammenarbeitest, bekommst du kurzfristig viel Geld und Aufmerksamkeit. Irgendwann wird es dir aber den Boden unter den Füßen wegziehen, weil der Hype schnell vorbei ist.

Nicht nur Madonna protestiert gerade gegen die Verurteilung des russischen Trios Pussy Riot. Was können Sie als Künstler politisch tun?

Hantel: Wir müssen uns einmischen. Schon vor einigen Wochen haben wir den Song „The Kiez Is Allright“ für Pussy Riot gepostet. Das Urteil ist natürlich ein Skandal und bestätigt meine Erfahrungen, die ich in Russland, der Ukraine, Ungarn und Rumänien gemacht habe. Viele osteuropäische Länder, die einst einen demokratischen Wandlungsprozess eingeschlagen hatten, bewegen sich schleichend wieder rückwärts. Es läuft einiges aus dem Ruder, wenn ein Staat wegen einer lächerlichen Performance so handelt.

Festival "Mind the Gap"

Freitag, 24. August

18 Uhr: Shemes. New Wave aus Kassel.

20 Uhr: Shantel & Bucovina Club Orkestar. Der Meister des Balkan-Pop.

22 Uhr: She’s All That. Durchgeknallte Freaks machen Party zu fetten Elektronik-Beats.

Samstag, 25. August

15.30 Uhr: Müller & Friend. Die Kasseler Jürgen Müller und Bernd Riehl spielen Rock, Pop und Folk.

17 Uhr: Hank & Die Shakers. Die Kasseler Combo hat sich dem Western-, Balkan- und Morricone-Sound verschrieben.

18.30 Uhr: Turbostaat. Das Flensburger Quintett ist eine der wichtigsten deutschen Punk-Bands.

20 Uhr: Panteón Rococó. In ihrer Heimat sind die Mexikaner mit ihrem Mestizo-Sound große Stars.

22 Uhr: Ira Atari. Heimspiel der Kasseler Electro-Queen, die jetzt in Berlin lebt.

Ort: Nordstadtpark, Eintritt frei

www.mindthegap-openair.de

Von Matthias Lohr

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