„Ich bin ein Einzelgänger“: Prinz Pi im Interview

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Seine Vorbilder sind Bob Dylan und die Beatles: Der Berliner Rapper Prinz Pi alias Friedrich Kautz.

Kein deutscher HipHopper rappt so intelligent über so vielfältige Themen wie Prinz Pi. Mit seinem Album „Kompass ohne Norden“, das von dem Ex-Kasseler Matthias Millhoff produziert wurde, stand der 33-jährige Berliner, der eigentlich Friedrich Kautz heißt, auf Platz eins der Charts.

Wir sprachen mit Prinz Pi, der am 21. Juni beim Kasseler Hessentag gastiert.

Wann waren Sie zuletzt auf einem Klassentreffen?

Prinz Pi: Das ist schon lange her. Es war, wie man es erwartet hatte. Die meisten Leute hatten sich nicht verändert. Diejenigen, die straight waren, sind das auch heute noch. Die Angeber sind immer noch Angeber. Und ich bin bis heute ein Einzelgänger. Die Rollen, die man sich aussucht, behält man wohl sein Leben lang.

Der Titelsong zieht rückblickend die Bilanz eines Abijahrgangs: „Die Ersten sind gescheitert / Die Ersten was geworden / Die Ersten wurden Eltern / Die Ersten sind gestorben.“ Aus Ihnen ist was geworden, oder?

Prinz Pi: Ich weiß nicht. In der Erwartungshaltung meiner Eltern ist wahrscheinlich nichts aus mir geworden. Da wäre was aus mir geworden, wenn ich einen Job bekleiden würde, der gesellschaftlich klar beschreibbar wäre. Aber was ist das eigentlich, was ich mache? Ich sitze im Büro, mache Grafiken und arbeite an Videos. Ich spiele in einer Band und schreibe Texte. Ich mache ganz viele Sachen parallel.

Aber viele junge Menschen träumen davon, auf einer Bühne zu stehen wie Sie und mit der Musik vielleicht sogar das Leben der Fans zu verändern.

Prinz Pi: Das ist eine sehr romantische Vorstellung. Manchmal bin ich schon am Verzweifeln, weil man langweilige oder unangenehme Dinge erledigen muss. Ein bisschen ist das wie mit der Mondrakete: Die Leute, die auf dem Mond waren, hatten zehn geile Minuten. Die anderen 20 000, die an der Rakete mitgearbeitet haben, hatten wahrscheinlich nicht so geile Stunden, Monate und Jahre. Wenn du ein Album machst, bist du halt alle diese Menschen in einer Person.

Das klingt, als seien Sie unglücklich als Musiker.

Prinz Pi: Wenn ich könnte, würde ich auf einer einsamen Insel Bücher schreiben.

Im Moment können Sie aber glücklich sein. Das neue Album war auf Platz eins der Charts.

Prinz Pi: Für ein Minilabel wie uns ist das eine Sensation. Wir haben keine industrielle Muskelmasse wie die großen Plattenfirmen. Wir haben nur unsere Kreativität und drei Laptops.

Das Schöne an „Kompass ohne Norden“ ist, dass es nicht um typische HipHop-Themen geht, sondern auch mal um den Niedergang der Schwerindustrie wie in „Rost“, das eine Hommage an den Schriftsteller Feridun Zaimoglu ist. Wie kommen Sie auf solche Themen?

Prinz Pi: Ich lese sehr viel. Wenn man heute Musik macht und etwas hinterlassen will, das vielleicht auch für kommende Generationen interessant sein könnte, muss man sich Themen suchen, die anders sind. Das klappt nicht, wenn man sagt, ich mache einen Song über den Niedergang der Schwerindustrie. Den will niemand hören. Wenn das Stück aber auf einem Album zwischen anderen Liedern zu hören ist, für die sich junge Leute interessieren, kann man es ihnen als bittere Pille unterjubeln.

Wieso hört man so etwas nicht häufiger im deutschen HipHop und auch Pop?

Prinz Pi: Weil die meisten Leute, die HipHop oder Pop machen, dumm sind. Die sind nicht studiert oder besonders belesen oder an etwas interessiert, außer an sich selbst. Die meisten brauchen ein Mittel zur Selbstdarstellung. Das sieht man etwa an den Leuten, die an Castingshows teilnehmen. Deren einzige Motivation ist es, Geld zu verdienen. Es geht ihnen nicht darum, etwas Wertvolles zu schaffen.

Was ist Ihre Motivation?

Prinz Pi: Ich will Kulturgut schaffen - so bieder sich das auch anhört. Das sehe ich auch ein bisschen als Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, denn sie hat auch für mich und jeden von uns viel getan.

Sie waren auf einem Berliner Elitegymnasium. Wie wird man da zum HipHopper?

Prinz Pi: Ich wollte mich abgrenzen von den anderen Schülern, die entweder Genies waren oder Kinder aus gutem Haus. HipHop war meine Rebellion gegen die Norm dort.

Sie sind erst 33, haben aber schon 15 Alben veröffentlicht. Wie geht das?

Prinz Pi: Man muss fleißig sein und etwas zu sagen haben. Es ist auch die Frage, wie spannend dein Leben ist. Wenn nichts Spannendes passiert, wird man eher nicht Musiker.

(Das Interview führte Matthias Lohr / HNA Kulturredaktion)

Prinz Pi: Kompass ohne Norden (Keine Liebe Records), Wertung: Fünf von fünf Sternen

Prinz Pi-Konzert auf dem Hessentag Kassel bei der You-FM-Night mit Marteria und Max Herre: 21. Juni, Rothenbach-Halle. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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