Interview: Der Kasseler Jazzpianist Edgar Knecht über sein Album mit modernisierten Volksliedern

„Ich forme was Neues mit Humor“

Er gilt als einer der besten deutschen Jazz-Pianisten und hat es mit seinem neuen Album in die Top Ten der Jazz-Charts geschafft: Auf „Good Morning Lilofee“ verbindet der Kasseler Edgar Knecht auf faszinierende Weise deutsche Volkslieder mit Jazz und Weltmusik. Da trifft ein deutscher 3/4-Takt schon mal auf einen afrikanischen 6/8-Takt. Wir sprachen mit dem 46-Jährigen vor seinen Auftritten in Göttingen (morgen) und Kassel (26. September).

Herr Knecht, Ihr neues Album heißt „Good Morning Lilofee“. Was ist das Besondere an dieser Lilofee, die die Hauptfigur aus dem Volkslied-Klassiker „Es freit ein wilder Wassermann“ ist?

Edgar Knecht: Zum einen stammt sie aus einem der Lieder, die mir meine Mutter in meiner Kindheit vorgesungen hat. Sie hat mich diese alten Lieder lieben gelehrt. „Es freit ein wilder Wassermann“ hat eine wunderschöne Melodie, und der Name Lilofee klingt ebenso zauberhaft. Als Musiker achtet man ja besonders auf den Klang. Und „Good Morning“ steht für meine Lust, die alten Songs aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken: Raus aus den Federn, lasst uns Neues wagen.

Das machen auch die Liednamen deutlich: „Heißa Kathreinerle“ heißt nun „Heißes Kathreinerle“ und ist für Sie ein „alter Dancehit“. Was zeichnet Volkslieder aus?

Knecht: Es sind Songs, die auf archaische Weise Emotionen transportieren. Mit einfachen musikalischen Mitteln werden Liebe, Trauer, Tod und Freude behandelt. Im Pop funktioniert das ähnlich. Aber natürlich mag ich nicht alle Volkslieder. Ich habe die ausgewählt, die mich besonders berühren.

Mich hat besonders Ihre Version von „Maria durch ein Dornwald ging“ berührt, die am Ende - entschuldigen Sie das blöde Wort - rockt. Wie entscheiden Sie, wie Sie welches Stück interpretieren?

Knecht: Da sind für mich zwei Dinge entscheidend. Zum einen die Emotionen, die ein Stück transportiert. Und dann schaue ich, welches musikalische Motiv es gibt, das ich weiterentwickeln kann. „Maria“ habe ich meiner verstorbenen Schwester gewidmet, mit der ich das Stück oft an kalten Wintertagen bei Kerzenschein gesungen habe. Das schafft eine tiefe emotionale Verbindung.

Welchen Anteil haben die Mitmusiker wie Schlagzeuger Stephan Emig und Bassist Rolf Denecke?

Knecht: Die Komposition ist komplett meine Arbeit. Aber live und auch auf CD hört man, wie die Jungs das, was ich vorgegeben habe, wunderbar zum Leben bringen. Und weil es Jazz-Musik ist, gibt es vitale improvisierte Anteile.

Zahlreiche Klassikstars wie Annette Dasch nehmen Volkslieder auf. Wie kommt es, dass die alten Lieder gerade jetzt wieder entdeckt werden?

Knecht: Wahrscheinlich ist es ähnlich wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als gerade auch die internationale Presse erfreut eine Entkrampfung der deutschen Fans bemerkte. Wir haben in Deutschland eine sehr schwierige Geschichte, und es braucht seine Zeit, diese aufzuarbeiten. Volkslieder waren lange verpönt, aber mit dem wachsenden historischen Abstand erkennt man, dass sie für sich stehen und einen wichtigen Teil unserer musikalischen Wurzeln darstellen. Ende der 60er haben sich Jazzmusiker übrigens schon einmal der Volkslieder angenommen, das war meist extrem parodierend, um sich von der Musik zu distanzieren.

Sie entfremden die Lieder ebenfalls.

Knecht: Ja, aber mit einem Augenzwinkern und Humor. Der große Unterschied ist der, dass ich mit den Songs liebevoll und respektvoll umgehe. Und gleichzeitig fröhlich und frech etwas Neues daraus forme. Dazu setze ich andere Akkorde und Rhythmen unter die Melodien. Und mit Jazz und afrokubanischen Rhythmen mache ich aus den eigenen Wurzeln etwas sehr Weltoffenes.

Lebt Ihre Mutter noch?

Knecht: Nein, sie ist 2007 gestorben. Es wäre schön, wenn sie den Erfolg von „Lilofee“ noch erleben könnte. Aber sie hat einige meiner Solokonzerte, auf denen ich bereits viele Bearbeitungen gespielt habe, gehört. Sie saß mit leuchtenden Augen im Publikum.

Edgar Knecht: Good Morning Lilofee (Ozella Music). Wertung: !!!!!

Edgar Knecht, Rolf Denecke und Stephan Emig treten morgen, 20.15 Uhr, im Göttinger Apex (Karten: 0551/46886) und am 26. September, 19.30 Uhr, im Kasseler Schauspielhaus (0561/1094-222) auf.

www.edgarknecht.com

Von Matthias Lohr

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