Interview: Liedermacher Hannes Wader über sein neues Album, Geld und seine Wahl-Heimat Kassel

„Ich bin gern altmodisch und uncool“

Bislang galt Hannes Wader als Asket des hohen Nordens und plattdeutscher Bob Dylan. Mit 68 Jahren wird der Liedermacher nun zum Chartstürmer aus Nordhessen. Seit zwei Jahren lebt Wader in Kassel. Gerade hat er das mit Konstantin Wecker eingespielte Live-Album „Kein Ende in Sicht“ veröffentlicht.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Wader, mit „Kein Ende in Sicht“ sind Sie auf Platz 26 der deutschen Charts eingestiegen.

Hannes Wader: Danke, ich kenne das Gefühl gar nicht, weil ich eigentlich nie in den Charts auftauche. Nur vor acht Jahren hat eine Platte von Konstantin Wecker, Reinhard Mey und mir den Sprung in die Hitparade geschafft. Ich sage immer Platte, und dann werde ich von allen Leuten korrigiert, weil man heute ja CD sagt. Da denk ich: Rutscht mir doch den Buckel runter. Als wenn eine CD nicht platt wäre.

Ein Lied heißt „Ich singe, weil ich ein Lied habe“. Gibt es weitere Gründe, warum Sie mit 68 noch auf der Bühne stehen?

Wader: Ja, erstens singe ich furchtbar gern. Zweitens habe ich einen fantastischen Job, weil ich von meinem Hobby leben kann. Wer kann das schon? Und drittens wird man mich noch eine ganze Weile auf der Bühne erleben, weil ich singen muss. Ich muss sehen, dass ich meine Rente zusammenkriege. Als ich berühmt war, habe ich schlecht gewirtschaftet. Geld hat mich nicht interessiert.

Angeblich hatten Sie mehr als eine Million Euro Schulden. Wie kann man so viel Geld verlieren?

Wader: Das geht ganz leicht, wenn man sich nicht darum kümmert. Das kann das Geld nicht leiden. Wenn das Geld merkt, dass man es verachtet, entzieht es sich einem. Es ist wie ein Lebewesen, das nicht genug Liebe bekommt. Heute liebe ich das Geld auch nicht, aber ich muss die Notwendigkeit anerkennen, dass man es verdienen und ein bisschen sparsam sein muss.

Haben Sie noch Schulden?

Wader: Nein, ich habe alles abbezahlt. Das ist ein gutes Gefühl. Meine Frau hat ein rigides Sparprogramm aufgestellt. Ohne sie wäre ich ruiniert.

Sie waren einst in der DKP. Wo fühlen Sie sich heute politisch zuhause?

Wader: Ich habe meinen sozialistischen Grundanschauungen nicht abgeschworen. Sie sind immer noch lebendig - allerdings stehen viele Fragezeichen dahinter. Ich bin nicht mehr so ein Feuerkopf.

Wie informieren Sie sich? Angeblich schauen Sie seit zwei Jahrzehnten kein Fernsehen.

Wader: Durch den Fensehverzicht entgeht mir einiges. In meiner Arbeit kann ich mit dem aktuellen Geschehen nichts anfangen, weil ich zu langsam bin. Wenn ich mich heute über Westerwelle aufrege, kann ich darauf nicht mit einem Lied antworten. Das Schreiben dauert bei mir immer ein paar Monate. Dann ist Westerwelle vielleicht schon Bundeskanzler oder hoffentlich längst vergessen.

Vor zwei Jahren sind Sie mit Ihrer Frau nach Kassel gezogen. Ihr Manager sagte, das soll möglichst nicht Gegenstand beim Interview sein. Ist Kassel so schlimm?

Wader: Sie kennen vielleicht das Sprichwort: Der Fuchs jagt nicht vor dem eigenen Bau. Ich wohne in Kassel, fühle mich hier sehr wohl und habe viele angenehme Menschen kennen gelernt. Aber ich möchte hier nicht auffallen, indem ich mein Privatleben ausbreite.

Dann reden wir über Ihre Musik. In den 70ern haben Sie Volkslieder aufgenommen, als die niemand hören wollte. Haben Volkslieder heute ein besseres Image?

Wader: Das weiß ich nicht. Ich habe die Lieder gespielt, mit denen ich aufgewachsen bin, die mir etwas bedeuteten und die im Dritten Reich missbraucht wurden, sodass sie später keiner mehr hören mochte. Aber der Missbrauch hat ja nichts mit ihrem eigentlichen Wert zu tun. Meine Interpretationen sind nicht so populär geworden wie Heino, doch für meine Verhältnisse haben sie enormen Erfolg gehabt.

Spielen Sie diese Lieder heute auch noch?

Wader: Ja, aber ich fürchte, dass ihre Bedeutung weiter zurückgehen wird. Es gibt nur noch einen harten Kern, der sich dafür interessiert. Gerade deshalb mache ich weiter. Wenn die Volkslieder schon verschwinden, will ich mich und andere daran erinnern, dass es sie gegeben hat. Ich bin gern altmodisch und uncool.

Wecker & Wader: Kein Ende in Sicht (Sturm & Klang). Wertung: !!!!:

Hannes Wader tritt am 28. September in der Kulturhalle Wolfhagen auf. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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