Interview: Georg Ringsgwandl über seinen Erfolg als Musiker und seine Vergangenheit als Mediziner

„Ich war ein guter Doktor“

Auch eine schlimme Krankheit kann etwas Gutes haben. Seine ersten Lieder schrieb Georg Ringsgwandl, als er mit 18 eine Lungentuberkulose im Krankenhaus auskurierte. Später wurde er Mediziner, dann Musiker und Kabarettist. Am 10. Juni gastiert der bayerische Anarcho-Komiker beim Vellmarer Festival Sommer im Park, das heute eröffnet wird. Wir sprachen mit dem 61-Jährigen.

Herr Ringsgwandl, Sie sagen von sich, Sie seien ein Multidilettant und nur deshalb so erfolgreich, weil sie im CD-Regal zwischen Ricky Martin und Robbie Williams stehen, weswegen Sie zu 95 Prozent aus Versehen gekauft werden. Das meinen Sie doch nicht ernst.

Georg Ringsgwandl: Was soll ich anderes tun. Ich kann ja nicht rumlaufen und allen erzählen, was für ein toller Typ ich bin. Ich hätte gern Oberarme wie Bruce Springsteen. In Wirklichkeit will keine Frau einen Typen wie mich zuhause haben. Aber auf der Bühne jedoch finden sie mich ganz lustig.

Ihr aktuelles Album heißt „Untersendling“. Was ist das Besondere an dem Münchner Stadtteil?

Ringsgwandl: Das Besondere ist, dass es nichts Besonderes gibt. Es ist ein ganz normales Wohnviertel - weder schick noch verkommen, weder wohlhabend noch ein sozialer Brennpunkt. Es ist das letzte Viertel am Rand der Innenstadt, das noch nicht von Immobilienleuten massakriert wurde. Da gibt es Leute, die wohnen seit 60 Jahren dort.

In Ihren Liedern singen Sie zum Beispiel von dem alteingesessenen Bäcker, dessen Geschäft nun zu einer Kette gehört. So etwas gibt es überall.

Ringsgwandl: Stimmt, das wird auch den Braunschweigern und Kasselern geläufig sein. Man sieht, wie ein alter Wirt verschwindet, bei dem man früher sonntags noch Eier holen konnte, wenn man sie beim Einkaufen vergessen hatte. Jetzt ist da ein Italiener drin. Unsere Lieder sollten nur von direkt Erlebtem handeln und nicht von abstrakten Problemen, von denen man in der Zeitung liest. Weil wir das meiste in Untersendling erleben, haben wir das Album schließlich so genannt.

Sie sind in Bad Reichenhall geboren, haben in Würzburg, Garmisch, Kiel, Berlin, München, Hamburg gelebt und wohnen jetzt in Murnau am Alpenrand. Könnten Sie sich vorstellen, 60 Jahre am selben Ort zu wohnen - wie manche Menschen in Untersendling?

Ringsgwandl: Nein, dazu fehlt mir die innere Ruhe. Wahrscheinlich besitze ich ein kleines Nomaden-Gen. Murnau ist toll, weil es nicht so muffig ist. Es gibt viele Zugezogene, und mein Haus steht auf einer Endmoräne, da bläst es immer schön vom Staffelsee rüber. Es ist ein freier Ort. Hier haben auch der Maler Kandinsky und der Dichter Ödön von Horvath gelebt. Um ein Haar hätte ich übrigens einmal nach Lüchow-Dannenberg geheiratet, wo es auch sehr schön ist. Dann hat mir ein persischer Revolutionär die Frau ausgespannt.

Sie scheinen aber darüber hinweg zu sein. Haben Sie es schon einmal bereut, Ihren Job als Oberarzt in der Kardiologie des Kreiskrankenhauses Garmisch-Partenkirchen 1993 an den Nagel gehängt zu haben?

Ringsgwandl: Einige dieser Momente gab es in den vergangenen 17 Jahren schon. Als Musiker hast du keinen doppelten Boden. Das Leben ist wie eine Achterbahnfahrt. Da denkt man schon mal: Wäre schön, wenn man jetzt den weißen Kittel anziehen könnte und wüsste, dass die Lohnsteuerkarte im Büro liegt, die Kohle sicher ist und niemand an einem zweifelt.

Wenn Sie sich damals selbst auf der Bühne gesehen hätten: Hätten Sie sich dann von diesem schrägen Dr. Ringsgwandl behandeln lassen wollen?

Ringsgwandl: Nein, einige Patienten haben sich auch dagegen gewehrt. Klar denkenden Menschen ist so etwas nicht zuzumuten. Ich habe auf der Intensivstation gearbeitet, da geht es nicht um Schnupfen. Ich war ein guter Doktor mit einer hochkarätigen Ausbildung und habe den Job auch mit einer enormen Präsenz gemacht. Aber trotzdem denkt jeder, dass man es nicht gut macht, wenn man parallel arbeitet. Sechs Jahre lang war ich Mediziner und nebenher Musiker. Dann ging es auch energiemäßig nicht mehr.

Das Album „Untersendling“ ist bei Lawine/Sony Music erschienen.

Von Matthias Lohr

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