Gunter Gabriel spielt im Ex-Knast Elwe: „Ich habe alles durchgemacht“

Gunter Gabriel

Gunter Gabriel hatte in seinem Leben große Hits und große Niederlagen. Am Wochenende spielt der Country-Sänger im ehemaligen Kasseler Gefängnis Elwe bei einer Tattoo-Show Songs von Johnny Cash sowie eigene Lieder.

Wir sprachen mit dem Hamburger, der am 11. Juni 70 Jahre alt wird.

Herr Gabriel, Ihr Leben ist ein Auf und Ab mit Erfolgen, Schulden, Alkoholproblemen, Scheidungen und einem tollen Comeback. Aber im Gefängnis waren Sie nie, oder?

Gunter Gabriel: Klar war ich im Knast. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zum Beispiel. Weil ich Vopos an der deutsch-deutschen Grenze „Mörder“ genannt habe, saß ich sogar im DDR-Gefängnis. Ich habe das Leben in all seinen Schikanen durchgemacht. Und ich finde, dass jeder Mann mal im Knast gewesen sein muss.

Sind Sie auch einmal im Knast aufgetreten wie Ihr Vorbild Johnny Cash?

Gabriel: Ich habe schon im Gefängnis gespielt, da wusste ich nicht einmal, wie Cash geschrieben wird. Auch heutzutage trete ich oft vor jugendlichen Straftätern auf. Ich bringe den Jungs immer einige Gitarren mit. Wer Musik macht, ist weniger aggressiv.

Sagen Sie das mal Bushido.

Gabriel: Das ist ja ein Rapper. Mit HipHop kann ich nichts anfangen. Mit einer Gitarre im Arm bist du ein anderer Mensch. Ein Klavier ist viel zu weit weg vom Körper. Die Gitarre muss wie bei Cash auf der Brust liegen. So geht die Schwingung direkt in den Körper. Die Punker spielen die Gitarren immer in Eierhöhe - die können gar nichts empfinden.

Johnny Cash haben Sie angeblich Anfang der 70er kennengelernt, als Sie als Pressemann für eine Plattenfirma arbeiteten.

Gabriel: Richtig kennengelernt habe ich ihn erst 1976, nachdem ich seinen Song „Wanted Man“ geklaut hatte, der eigentlich von Bob Dylan stammte. Mit dem habe ich es gleich in die „ZDF-Hitparade“ geschafft. Als Johnny davon erfuhr, hat er mich in die USA eingeladen. Wegen Elvis habe ich als Jugendlicher die Gitarre in die Hand genommen, aber Johnny Cash war der Erste mit richtigen Botschaften. Am Anfang habe ich ihn nur kopiert. Wen sollte ich auch sonst kopieren in Deutschland? Reinhard Mey lag mir nicht so.

Stimmt es, dass Cash Sie kurz vor seinem Tod ermutigt hat, seine Lieder zu singen?

Gabriel: Das hat er immer wieder getan. 14 Tage vor seinem Tod hat er mir auf den Anrufbeantworter gesprochen: „Hello, I’m Johnny Cash. Please make welcome my friend Gunter Gabriel singing my songs from my American album.“ Der Spruch ist heute noch auf dem Gerät, und ich habe ihn als Mitschnitt auf mein Cash-Album genommen.

Vor wenigen Jahren hatten Sie noch 500 000 Euro Steuerschulden, die Sie dann mit Konzerten in den Wohnzimmern von Fans abbezahlten. Wie geht es Ihnen jetzt finanziell?

Gabriel: Eigentlich ging es mir immer ganz gut. Von Beruf bin ich Jongleur. Mit Geld habe ich nie viel am Hut gehabt. Die Wohnzimmertour habe ich erfunden, weil ich zeigen wollte: Wenn du Scheiße gebaut hast, musst du dafür gerade stehen. Bis jetzt habe ich schon mehr als 1000 dieser Solo-Konzerte gegeben. Die spiele ich bis an mein Lebensende. Meistens schenken Frauen mich ihren Männern zum Geburtstag, die mit mir alt geworden sind. Ich bin ein Männersänger.

Wie viel Whiskey muss man eigentlich getrunken haben, um so eine coole Knarzstimme wie Sie zu bekommen?

Gabriel: Das ist eine ebenso gute Frage wie die, wie man die Falten in die Fresse kriegt: durch das Leben und den Kummer und die ganze Scheiße. Ich habe viele Frauen verlassen. Und ich habe zeitweise jede Nacht gesoffen, bis der Boden der Flasche zu sehen war. Heute trinke ich nicht mehr.

Was antworten Sie den Leuten, die Sie immer noch einen Schlagerfuzzi nennen?

Gabriel: Daran habe ich mich gewöhnt. Die Masse der Leute ist doch bescheuert. Natürlich bin ich kein Schlagerfuzzi, sondern ein Singer/Songwriter. Ich bin immer mit steifem Mittelfinger durchs Leben gegangen.

Veranstaltungs-Info

Gunter Gabriel tritt Samstag, 20 Uhr, bei der Tattoo- und Piercing-Show „Tattoomenta“ in der ehemaligen JVA Kassel III, Leipziger Straße 11, auf.

Internet: www.tattoo-show-kassel.de

Von Matthias Lohr

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