Der Graf von Unheilig im Interview: „Habe oft an mir gezweifelt“

Vor zwei Jahren kannten den Grafen und seine Band Unheilig nur eingeschworene Fans aus der Gothic-Szene, doch dank 1,6 Millionen verkauften Alben von „Große Freiheit“ und drei Echos ist die Kunstfigur der aktuell erfolgreichste deutsche Musiker.

Jetzt erscheint sein achtes Album „Lichter der Stadt“ mit der gewohnten Mischung aus großen Synthie-Melodien, die an Filmmusik erinnern, und Rocknummern, wie man sie von Rammstein kennt. Wir sprachen mit dem Grafen.

Herr Graf, Sie haben jahrelang Musik gemacht, bevor der große Durchbruch kam. Hatten Sie nie Selbstzweifel?

Der Graf: Ich habe oft an mir gezweifelt - sogar noch 2009, kurz bevor wir die „Große Freiheit“ aufgenommen haben. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, und wenn du dann noch darauf angewiesen bist, von deinen Eltern monatlich Geld zu kriegen, ohne für die Zukunft planen zu können, ist das nicht sehr angenehm. Am Ende habe ich mich immer häufiger gefragt: Ist das noch gut genug? Meine Familie hat mir den Rücken gestärkt und geraten, dass ich erst einmal weiter machen soll. Glücklicherweise habe ich weiter gemacht.

Was hat sich seither verändert?

Der Graf: Unglaublich viel. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge vom Land, der zum ersten Mal in die Großstadt kommt. Von Woche zu Woche wurde es mehr. Neben den ausverkauften Konzerten gab es Fernsehtermine und Preisverleihungen. Sterbenskranke Menschen baten mich, sie im Hospiz zu besuchen, weil sie mich vor ihrem Tod noch einmal sehen wollten. Das habe ich alles sehr gern gemacht, aber mit so etwas gehst du nicht leicht um. Hier hat mir die Musik geholfen: Ich habe mir vieles einfach von der Seele geschrieben.

Wie haben Sie den todkranken Menschen geholfen? Muss man ihnen einfach zuhören?

Der Graf: Genau. Du kannst ihnen kein Gefühl von Hoffnung vermitteln. Man kann ihnen nur helfen, indem man da ist und ihnen Respekt erweist. Manchmal hilft es mehr als tausend Worte, wenn du den Menschen in den Arm nimmst oder mit ihm weinst.

Denken Sie nun anders über den Tod?

Der Graf: Über den Tod nicht, aber über das Leben. Wenn man sieht, wie schnell es vorbei sein kann, definiert man das eigene Glück anders. Ich bin schneller glücklich und rege mich nicht mehr über so viele Kleinigkeiten auf.

Auch auf dem neuen Album geht es oft um Vergänglichkeit und Freundschaft. Wie kommt es, dass das Ihre vorherrschenden Themen sind?

Der Graf: Weil ich ein sehr familiärer Mensch bin und immer noch in der Stadt lebe, in der ich geboren wurde. Hier habe ich meine Familie und die Menschen, die mir viel bedeuten. Wenn du das alles nicht hast, wird dir bewusst, wie schön es zu Hause ist und wie gut es tut, Freunde zu haben.

Musikalisch hat sich nicht sehr viel geändert.

Der Graf: Ich habe nie versucht, das Rad neu zu erfinden. Es war von Anfang an klar, dass ich jetzt keinen englischen Jazz mache. Aber die neuen Songs sind lockerer und luftiger geworden, das Album hat mehr Ecken und Kanten.

Die Kunstfigur Der Graf haben Sie sich ausgedacht, um Ihr Privatleben zu schützen. Können Sie in Aachen noch ungestört einkaufen?

Der Graf: Ja, hier ist es völlig normal. Ab und zu klingelt ein Kind an der Tür und fragt, ob hier der Graf von Unheilig wohnt. Dann sag ich „Ja“ und gebe ein Autogramm.

Man liest über Sie, dass Sie gelernter Hörgeräte-Akustiker, verheiratet sind und ein Kind haben, mal ein Mädchen, mal ein Junge. Nervt Sie das?

Der Graf: Nein, ich finde es lustig. Außer dem Hörgeräteakustiker ist alles, was Sie gesagt haben, nie bestätigt worden. Ich suche die Kinder immer noch, die ich haben soll, und frage mich, wie sie heißen. Zuletzt habe ich vier neue Namen von mir gelesen. Keiner stimmte. So etwas musst du akzeptieren, wenn du gar nichts über dein Privatleben erzählst, weil die Leute versuchen, sich ein Bild aufzubauen.

Unheilig: Lichter der Stadt (Vertigo/Universal).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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