Interview: Pur-Sänger Hartmut Engler über 30 Band-Jahre und persönliche Krisen

„Ich habe das größte Ego“

30 Jahre zusammen: (von links) Martin Stoeck, Joe Crawford, Ingo Reidl, Hartmut Engler, Rudi Buttas, Martin Ansel, Cherry Gehring. Als Pur haben sie Popgeschichte geschrieben. Foto: privat

Für die einen stehen sie für gefühlvollen Deutschrock mit Herz und Hirn, für die anderen sind sie eine weich gespülte Pop-Kombo mit politisch korrektem Liedgut und weiblicher Zielgruppe. Doch eines steht außer Frage: Pur sind eine Institution. In diesem Jahr feiert die Band aus Bietigheim-Bissingen ihr 30-jähriges Bestehen. Wir sprachen mit Frontmann Hartmut Engler über Image und Realität eines deutschen Pop-Phänomens.

Herr Engler, Sie haben jetzt Ihr drittes Live-Album herausgebracht. Wie ist die Idee zu einem reinen Akustik-Album entstanden?

Hartmut Engler: Natürlich stand da erst mal eine Zahl im Raum: 30 Jahre eine Band. Da wollten wir unseren Fans schon etwas Besonderes bieten. Wir haben ja viele große Konzerte gespielt, mit denen wir Stadien gefüllt haben. Jetzt wollten wir gern mal etwas in intimem Rahmen machen. Die Aufnahmen sind in einem kleinen, plüschigen Club in Ludwigsburg entstanden, wo wir als ganz junge Band häufiger gespielt haben. Damit kehren wir zu unseren Wurzeln zurück.

Seit 30 Jahren gibt es Pur. Ist man nach drei Jahrzehnten im Geschäft nicht irgendwann satt, wenn man als eine der erfolgreichsten deutschen Bands so ziemlich alles erreicht hat?

Engler: Nein, ich habe das große Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Wenn man sich nicht zu viel Druck macht, ist das ein wunderschöner Beruf. Wir stehen alle immer noch gerne als ein kleines schwäbisches Unternehmen auf der Bühne.

Sie haben 2008 eine schwere Krise durchlitten, erkrankten an Depressionen. Wie sind Sie aus diesem Tief wieder herausgekommen?

Engler: Ich hatte zum Glück ein gutes Umfeld und meine Bandkollegen, die in dieser schwierigen Zeit für mich da waren. Ich hatte begriffen, dass ich da nicht allein wieder herauskomme und habe mir Hilfe geholt. Dann folgte eine längere Auszeit in einer Klinik. Ich habe aus dieser Krise aber einiges gelernt: Es ist wichtig, den Augenblick zu feiern, anstatt sich permanent den Kopf zu zerbrechen, was morgen ist.

Die Aufmerksamkeit der Fans konzentriert sich stark auf Sie. Genießen Sie diese Rolle?

Engler: Ich habe das größte Ego in der Band. Die Rolle hat viele schöne Seiten, und ich genieße das auch, aber natürlich fällt auch negative Kritik erst mal auf mich zurück.

Haben Sie einen Lieblingssong aus 30 Jahren Bandgeschichte?

Engler: Da könnte ich mich kaum entscheiden. Es gibt einem schon ein gutes Gefühl, einen Song wie „Abenteurland“ gemacht zu haben, der den Leuten nachhaltig im Ohr und in den Herzen bleibt.

Kritiker nennen die Band manchmal abschätzig „die guten Menschen aus Bietigheim-Bissingen“ - die Texte seien moralinsauer. Ärgert Sie so etwas?

Engler: Manchmal fühle ich mich falsch verstanden. Die Songs spiegeln ja eher eine idealistische Vorstellung wider, wie wir uns die Welt wünschen würden. Nach meiner Krise wurden wir allerdings ernster genommen. Da haben die Leute gemerkt, dass ich auch Narben habe, und wir keine Band der Marke „Friede, Freude, Eierkuchen“ sind. Wir sind wohl eher Musiker, die gern gute Menschen wären.

Sie haben Anglistik und Germanistik auf Lehramt studiert. Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie sich für die Schule entschieden hätten?

Engler: Wahrscheinlich würde ich noch im Raum Bietigheim wohnen und wäre ein ewig nörgelnder und frustrierter Lehrer, weil ich ständig das Gefühl hätte, im Leben etwas verpasst zu haben.

Pur-Konzerte: 2. April, Lokhalle Göttingen, 5. und 6. April, Stadthalle Kassel. Karten: 0561 / 203 204.

Von Kristin Dowe

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