Vor seinem Konzert in Kasseler Stadthalle

"Ich habe Liebe für Uli Hoeneß": Musiker Jan Delay im Interview

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Delay im August 2013 mit Metal-Fans beim Wacken-Festival.

Jan Delay hat schon fast alles gemacht: HipHop, Reggae, Soul, Funk und nun auch noch Rock. Allerdings kam sein Album "Hammer & Michel" nicht überall gut an. Im Interview erklärt der 38-Jährige, wie er damit umgegangen ist.

Auch wenn Jan Delay nun Schweinerock macht, ist er immer noch ein HipHopper mit Soul im Blut. „Es wird das gleiche opulente, euphorische Ding“, sagt der 38-Jährige über das Konzert mit seiner Disco-No.1-Band am 27. September in der Kasseler Stadthalle. Wir sprachen mit dem Hamburger Musiker über vernichtende Kritiken, sein Leben als Familienvater und das heute beginnende Metal-Festival in Wacken. Nur über Heino, den er einen Nazi genannt hatte, wollte Delay nicht reden, wie seine Agentur vorher klargestellt hatte.

Vor einem Jahr haben Sie sich in Wacken für Ihr Rock-Album inspirieren lassen. Ist das Festival in Schleswig-Holstein das beste der Welt? 

Jan Delay: Metal ist eigentlich überhaupt nicht meine Welt. Aber als Fan war ich total geflasht, wie lieb und gut drauf die alle sind. Wacken ist anders als andere Festivals, wo fast überall Crossover praktiziert wird. Bei Rock am Ring hörst du gute Musik aus allen Genres. In Wacken tragen alle schwarze T-Shirts, wirklich alle. Du siehst nicht einen, der ein weißes Shirt anhat.

Auf den Festivals dieser Saison kamen Ihre neuen Rock-Songs richtig gut an. 

Delay (lacht laut): Ich habe halt nicht in der „Spiegel“-Redaktion gespielt.

Der „Spiegel“ hat Ihr Album verrissen. Auch andere Kritiker fanden „Hammer & Michel“ nicht gut. Das gab es bei einem Jan-Delay-Album noch nie. Wie sehr trifft das einen? 

Delay: Das war schon hart. Mit keinem von denen, die die krassen Verrisse geschrieben haben, hatte ich vorher geredet. Manche haben sich noch nicht mal das Album angehört. Einige finden mich halt schon länger scheiße. Die hören Musik nicht mit dem Ohr, sondern mit dem Gehirn. Bei Rap, Reggae und Funk konnten sie nie was sagen, weil das nicht ihre Welt ist. Als ich dann die Dreistigkeit besessen habe, mich auf ihr Territorium zu wagen, haben sie zugebissen. Das Schönste ist nun, dass trotzdem alles hinhaut und die Leute live durchdrehen.

Sie singen jetzt auch über falsche Ernährung bei Kindern. In „Dicke Kinder“ heißt es: „Immer derbe Konserve, nix Frisches, weniger Vitamine als Sid Vicious“. Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie Vater einer Tochter sind? 

Delay: In den ersten ein bis zwei Monaten radikal. Es ist ein kompletter Einschnitt, weil es kein Ich mehr gibt, sondern nur noch das. Alles richtet sich nach dem Kind. Es gibt nicht mehr Tag und Nacht, sondern nur noch einen Dreistundenrhythmus. Mit der Zeit groovt sich das dann ein. Aber es ist natürlich immer noch anders. Es ist was Tolles dazugekommen, was superflashig ist.

Nun sind Sie ständig unterwegs, und Ihre Freundin muss allein klarkommen. Geht das? 

Delay: Also, für mich ja (lacht). Für meine Freundin ist es natürlich hart.

Sie haben mit dem Rauchen aufgehört. Eigens wegen Ihrer Tochter? 

Delay: Nein, aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Es war anstrengend. Aber manchmal setze ich mir noch die grüne Brille auf, um etwas Nikotin zu inhalieren, wenn Sie wissen, was ich meine.

Sie wollen Kiffen nicht sagen, weil Sie sonst wieder Ärger kriegen wie zuletzt, als Sie Heino einen Nazi nannten. 

Delay: Ich muss aufpassen.

In der „Scorpions Ballade“ geht es darum, dass Ihre einstigen Feindbilder wie die CSU nun auch gegen Kernkraft sind. Was würden Sie machen, wenn Horst Seehofer bei einem Ihrer Konzerte abrocken würde? 

Delay: Wenn ich mitkriegen würde, dass Horst Seehofer auf meinem Konzert wäre, würde ich live ein paar Sprüche bringen. Dann würde er wahrscheinlich gehen. Wenn er trotzdem noch dableiben würde, dann hätte ich derbe Respekt vor ihm und würde ihn feiern. Das meine ich ja mit der Songzeile, dass ich sogar Liebe für Uli Hoeneß habe. Vor zehn Jahren habe ich diesen Text geschrieben: „Alle die Style haben und die nichts mit Uli Hoeneß gemein haben.“ Nun muss ich sagen: Ey, nur weil jemand in der CSU ist, heißt das nicht, dass man kein Wort mit dem wechseln kann. Der kann ja trotzdem krass sein und eine gewisse Form von Toleranz und Respekt haben. Und die hat Uli Hoeneß. Das habe ich rausgefunden.

Wie haben Sie das rausgefunden? 

Delay: Er setzt sich ein für Leute, die straucheln, wie den Bayern-Profi Breno, der im Gefängnis ist. Er beschimpft manchmal die Presse, wenn sie es verdient hat. Er hat dem FC St. Pauli in schwierigen Zeiten geholfen. Deshalb verspüre ich ganz viel Liebe für ihn.

Jan Delay & Disko No. 1: Samstag, 27. September, 20 Uhr, Stadthalle Kassel. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person

Geboren: am 20. Februar 1976 in Hamburg unter dem Namen Jan Philipp Eißfeldt als Sohn einer Kunstprofessorin. Eißfeldt wuchs in einem besetzten Haus in Hamburg auf.

Ausbildung: Abitur

Karriere: Machte sich ab 1991 als Mitglied der HipHop-Formation Absolute Beginner („Liebes Lied“) einen Namen. Seit 2001 hat er vier Soloalben veröffentlicht. Demnächst erscheint zudem ein Beginner-Album.

Privates: Der Musiker lebt in Hamburg, seine Freundin und die sechs Monate alte Tochter wohnen zum Teil in Berlin. Fragt man Delay, warum er nicht nach Berlin zieht, zitiert er DJ Koze: „Berlin ist eine Loser-Stadt.“

Von Matthias Lohr

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