Vom Verlierer zum Gewinner

Casper, der "Retter des deutschen HipHop" im HNA-Interview 

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Sprengt die Grenzen des HipHop mit großem Rock: Rapper Benjamin Griffey (28) alias Casper.

Das Genre muss endlich von dumpfbackigen Proleten wie Bushido erlöst werden: Mit seinem Album „Xoxo“ hat es Casper, der Rapper aus Bielefeld, der seit Kurzem in Berlin lebt, auf Platz Eins der Charts geschafft.

Dank seiner belegten Reibeisenstimme und stadionrockreifen Gitarrenwänden gilt er als „Retter des deutschen HipHop“

Als Kind lebte er einst in einer Wohnwagensiedlung in den USA, später in einem Kaff in der Nähe von Lemgo/Ostwestfalen. Heute singt Benjamin Griffey (28) alias Casper: „Wir scheitern immer schöner / Versagen mit Stil.“

Wir sprachen mit Casper, der vom Verlierer zum Gewinner geworden ist.

Casper, Sie werden nicht nur als „Retter des deutschen HipHop“ gefeiert, sondern gelten auch als „Fortsetzung von Daniel Brühl mit besseren Mitteln“, der für ein „neues höfliches und ungefährliches Männerbild“ steht. Sind Sie auch überrascht, welche Reaktionen Sie und Ihre Musik hervorrufen?

Casper: Auf jeden Fall. Mit solch euphorischen Reaktionen hatten wir schon deshalb nicht gerechnet, weil das Album eher schwer und sperrig ist. Die Musik ist nicht eingängig, sondern ein ambitioniertes Kunstprojekt. Dass das nun für Pop gehalten wird, ist richtig cool. Allerdings hat die Aufmerksamkeit auch Schattenseiten. Zum einen gibt es nun sehr hohe Erwartungen. Dabei bin ich kein Heiland. Zum anderen finden viele „Xoxo“ auch schlecht.

Der Titel steht in der Internetsprache für Küsschen und Umarmung. Musikalisch umarmen Sie als HipHopper Postrock, Indiepop und Stadionrock. Ist es okay, wenn man Sie als Emo-Rapper bezeichnet, weil Sie in Ihren Texten intensiv Gefühle wie Verzweiflung und Trauer thematisieren?

Casper: Am Anfang fand ich den Begriff wahnsinnig nervig. Mittlerweile habe ich mich ein Stück weit damit abgefunden. Wenn sich Leute die Mühe machen und einen neuen Begriff für einen suchen, ist das wie ein Ritterschlag.

Sie sind in Ostwestfalen geboren und dann mit Ihrer Familie nach Georgia gezogen, wo Sie in einem Trailerpark wohnten. Wie war das Leben in einer Wohnwagensiedlung?

Casper: Das war, als sich meine Eltern getrennt hatten, meine Mutter wenig Geld hatte und allein mit uns auskommen musste. Heute klingt Trailerpark schlimm, aber wir waren nicht die ärmsten Menschen auf Erden. Und damals haben wir Kinder das auch nicht als Elend wahrgenommen, was vor allem daran lag, dass meine Mutter die Situation sehr gut gemeistert hat.

Aggressive Einbürgerungstaktik

Als Sie mit Ihrer Mutter als Elfjähriger wieder nach Deutschland zurückkehrten, konnten Sie kein Wort Deutsch.

Casper: Stimmt, meine Schwester und ich haben alles erst lernen müssen. Meine Oma und meine Mutter haben sich deshalb eine aggressive Einbürgerungstaktik ausgedacht. Wenn wir beispielsweise den Tisch deckten, mussten wir alle Dinge benennen. Wenn wir was falsch machten, mussten wir von vorn anfangen. Mit 16 oder 17 wäre das alles schwieriger gewesen.

Gibt es etwas, das typisch deutsch oder amerikanisch an Ihnen ist?

Casper: Ich bin ein sehr pünktlicher Mensch. Wenn jemand später als verabredet kommt, regt mich das tierisch auf. Amerikanisch an mir ist, dass ich offen und leicht zugänglich bin. Wenn du in den USA in einem Einkaufszentrum einen Typen mit einem coolen T-Shirt siehst, kannst du ihm das sagen. Machst du das in Deutschland, bekommst du zu hören: „Was willst du von mir? Kennen wir uns?“

Im Video zu „Der Druck steigt“ sieht man einen schwarzen Block, wie es ihn oft bei Demonstrationen von Autonomen gibt. Wogegen sich der richtet, bleibt unklar. Inwiefern ist Casper politisch?

Casper: Ich gebe kein gutes Vorbild ab. Bei aktueller Politik bin ich ungebildet. Ich weiß zum Beispiel nicht, wer Minister für was ist. Ich bin eher ein Ansichtenmensch: Da bin ich links und gegen Nazis, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Sexismus. Der Clip ist mehr metaphorisch gemeint. Der schwarze Block steht für alles und nichts. Mit der Platte will ich ausdrücken: Steh für dich selbst ein. Ich will den Do-it-yourself-Gedanken aufleben lassen. Mach es selbst - auch wenn es Leute scheiße finden. Das ist der Grundgedanke der Casper-Idee: Ich komme nicht aus Ich-möchte-alle-töten-hausen. Und ich trage andere Klamotten als andere Rapper. Ich habe es einfach durchgezogen.

Casper: Xoxo (Four Music/ Sony). Wertung: !!!!!

Casper spielt am 27. Oktober in den Kasseler Nachthallen. Karten: 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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