Regisseur Gilbert Holzgang über seine Inszenierung von Leben und Werk Hans Jürgen von der Wenses

„Ich lasse ihn zu Wort kommen“

Kassel. Das Theater Zeitraum Braunschweig versteht sich als eines der wenigen dokumentarischen Theater in Deutschland. Sein Ziel ist, Geschichts-Themen mit darstellerischen Mitteln, Filmen und Musik szenisch aufzuarbeiten und packend zu gestalten. Am 30. und 31. Januar ist das Theater mit seiner neuesten Produktion zu Gast im Kulturhaus Dock 4. „Immer mit dir“ thematisiert Leben, Werk und Wirkung des Universalgenies Hans Jürgen von der Wense, der zeitweilig in Kassel lebte und jetzt wiederentdeckt wird. Ein Gespräch mit Regisseur Gilbert Holzgang.

Wann haben Sie Jürgen von der Wense für sich entdeckt und was fasziniert Sie an ihm?

Gilbert Holzgang: Als vor einigen Jahren der Verlag Zweitausendeins die Briefe Wenses herausgab, las ich mehrere Zeitungsartikel über diesen außerordentlichen Wissenschaftler und Künstler. Ich schreckte aber davor zurück, Wense zum Thema einer Theateraufführung zu machen. Wenn nicht ein befreundeter Verleger mir gesagt hätte „Das ist doch etwas für dich!“, hätte ich mich wohl nie in dieses immense Lebenswerk eingearbeitet und den Menschen Wense lieb gewonnen.

Wie bringt man einen Universalisten auf die Bühne, der wegen der Vielzahl seiner Beschäftigungen, Talente und Interessengebiete eigentlich kaum zu fassen ist?

Holzgang: Andere Regisseure werden es anders machen als ich. Für mich galt: Keine Texte selbst schreiben, sondern einfach Wense selbst zu Wort kommen lassen. Ihn in seiner Entwicklung während fast siebzig Jahren zeigen. Versuchen, dem Publikum den fröhlichen Gelehrten und humorvollen Sprachmächtigen, aber auch den Verzweifelten und Scheiternden nahezubringen. Ausschnitte aus seinen Werken vorlesen lassen, viele seiner Kompositionen für Klavier einspielen und seine Fotos zeigen. Das haben wir dann auch so gemacht.

Wense stand mit diversen Briefpartnern in engem Austausch. Was macht den Briefwechsel zwischen ihm und Heddy Esche einzigartig, dass er die Grundlage Ihres Stücks bildet?

Holzgang: Wense hat seiner Braunschweiger Freundin während 30 Jahren in aller Offenheit berichtet, wie es ihm geht, was für Studien er treibt, wie er sich mit Nazis, Nachbarn und Naturwissenschaftlern herumschlägt. Er hat Heddy Esche geliebt, mochte sie aber nicht dauernd um sich haben und hat ihr das auch geschrieben. Die beiden waren sehr verschieden, sehr allein und sehr ehrlich.

Arbeiten Sie bereits an einem Folgeprojekt?

Holzgang: Schon bald werde ich ein weiteres Hörbuch zur Geschichte des Volkswagenwerkes produzieren, drei sind schon erhältlich. Sicher werde ich auch wieder ein dokumentarisches Theaterstück machen. Gerne würde ich auch ein Stück über eine Person, eine Familie oder eine Firma aus Kassel machen, bin aber auf Hinweise angewiesen und hoffe, es sagt mal wieder jemand zu mir: „Das ist doch etwas für dich!“

Aufführungen: Samstag, 30., Sonntag, 31. Januar, 20 Uhr, Dock 4, Studiobühne Deck 1.

Von Andreas Gebhardt

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