Interview: Panikrocker Udo Lindenberg über den Kulturpreis Deutsche Sprache, Anglizismen und Alkoholexzesse

„Ich mache immer meinen Streifen“

Der einflussreichste deutsche Rockmusiker der letzten 40 Jahre: Udo Lindenberg. Fotos: Tine Acke / nh

Wer am Telefon mit Udo Lindenberg redet, denkt, da will ihn jemand reinlegen. Der Rockmusiker redet wie ein Komiker, der eine Parodie auf ihn selbst spielt. An jeden Satz hängt Lindenberg ein cooles „ne, ja“. Wir sprachen mit dem 64-Jährigen über den mit 30 000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache, den er morgen in der Kasseler Stadthalle erhält. Wegen der besseren Lesbarkeit haben wir „ne, ja“ nach jedem Satz gestrichen.

Herr Lindenberg, die Jury des Kulturpreises Deutsche Sprache nennt Sie „den einflussreichsten und erfolgreichsten deutschen Rockmusiker der letzten 40 Jahre“. Wissen Sie schon, was Sie morgen erwartet?

Udo Lindenberg: Nein, das will ich auch gar nicht wissen, aber ich finde so einen Preis höchst ehrenvoll. Wir haben die Startbahn gelegt für viele Bands und Künstler wie Silbermond und Jan Delay, die heute deutsch singen. Das hat es früher nicht gegeben. Ich sage immer, die deutsche Sprache ist wie Kaugummi: Du kannst alles mit ihr machen.

Das war nicht immer so. Der Dichter Michael Lentz sagt, dass die deutsche Sprache mit einem Herrschaftsinstrument gleichgesetzt wurde, bevor der deutschsprachige Pop kam. Haben Sie die Deutschen befreit?

Lindenberg: Das mag schon sein. Früher gab es sehr viel Einschüchterung. Das habe ich aufgebrochen. Als ich anfing, habe ich noch auf Englisch gesungen, weil das die Sprache des Rock war, aber ich konnte mich nicht gut genug ausdrücken. Ich habe dann Tagebuch geschrieben und irgendwann gesagt: Ich singe jetzt deutsch. Meine Inhalte sind die von Goethe oder Hesse. Nur rede ich anders. Ich verwende Anglizismen, weil das cool ist.

Andererseits gefällt Ihr deutsch-englischer Singsang nicht allen. Rio Reiser fand diese Szenesprache „einfach nur blöd“. Können Sie damit leben?

Lindenberg: Ja, Rio hat tolle Sachen gemacht. Ich habe ihn immer sehr geschätzt. Ich glaube, er war ein bisschen eifersüchtig auf mich. Denn ich bin ein Breitensportler. Ich mache Musik nicht für die Nische, sondern für die breite Masse.

Sprechen Sie eigentlich mit einem Germanistik-Professor genauso wie mit Ihrem rappenden Kumpel Jan Delay?

Lindenberg: Ja, das ist mir scheißegal. Ich mache immer meinen Streifen. Das ist der Lindiismus.

Auf den mehr als 400 Fotos, die ihre Freundin Tine Acke in den letzten vier Jahren für den Bildband „Stark wie zwei“ gemacht hat, sieht man nur einmal Ihre Augen. Vor was schützen Sie sich mit der Sonnenbrille?

Lindenberg: Na, vor den optischen Übergriffen. Ich werde ständig beobachtet - egal, was ich mache. Ständig will jemand was von mir. Die Brille ist ein Schutzvisier. Ich bin sensibel. Das kann man auch aus meinen Texten herauslesen. Außerdem steht mir die Brille sehr gut - wie der Hut.

Die Zeit vor 2007 wird in dem Buch mit den Wörtern „Lethargie“, „Selbstzweifel“ und „Whiskey“ beschrieben. Sie haben sich selbst als Erkenntnistrinker beschrieben.

Lindenberg: Ich war damals auf der Suche. Ein Teeniestar mit Gummihose konnte ich nicht mehr sein und für den weisen Rock-Chansonnier war ich noch zu jung. Es war ein sehr schmerzhafter Weg, der bis auf die Intensivstation führte.

Vor Auftritten haben Sie sich mit Ihren Musikern gemeinsam zugedröhnt. Stimmt es, dass niemand auf die Bühne durfte, der weniger als 1,3 Promille hatte?

Lindenberg: Ja, die Jungs waren noch nicht sicher an den Instrumenten, aber sie sollten sich fühlen wie die Kings vom Panikorchester. Ich selbst habe schon mal 15 Doppelkörner getankt. Und bevor die Show losging, habe ich jeden in ein Polizeiröhrchen pusten lassen.

Und wie Sie sind heute drauf?

Lindenberg: Es gibt ja noch anderes Zeug, das gut knallt. Die beste Droge ist in dir drin. Heute achte ich auf meine Gesundheit und laufe. Wenn der Wind kommt, ziehe ich die Mütze tief ins Gesicht.

Von Matthias Lohr

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