Interview: Wolfgang Niedecken über die schweren Anfänge seiner Band BAP, das Altern und Schlageraffen

Wolfgang Niedecken: „Ich mache mich nicht lächerlich“

Mehr BAP als in diesen Wochen geht nicht: Die Kölner Band veröffentlichte ihr 17. Studioalbum „Halv su wild“, Sänger und Gitarrist Wolfgang Niedecken wurde 60 und veröffentlichte seine Autobiografie „Für ’ne Moment“. Zudem rocken BAP am 11. Juni das Kulturzelt in Wolfhagen. Wir sprachen mit Niedecken.

Haben Sie es schon bereut, Ihre Autobiografie und das neue BAP-Album kurz vor Ihrem 60. Geburtstag am 30. März veröffentlicht zu haben?

Wolfgang Niedecken: Wieso?

Sie müssen nun sehr viel über Ihr Alter reden. Manchen ist das unangenehm.

Niedecken: Für mich war der 60. wie der 59. Geburtstag auch. Wegen der Autobiografie bin ich schon vor zweieinhalb Jahren tief in meine Vergangenheit eingetaucht. Der Autor Oliver Kobold und ich haben uns hingesetzt und das Band laufen lassen. Manchmal haben wir uns tot gelacht, was da für tragikomische Geschichten rausgekommen sind. Zum Beispiel, als wir 1978 mit BAP schon am Ende waren. Wir haben damals die Aula der PH leer gespielt.

Sie meinen die Pädagogische Hochschule in Köln.

Niedecken: Ja, der Saal war viel zu groß für unsere Anlage. Der Sound muss geklungen haben wie Arsch auf Eis. Nachher haben wir unsere Sachen ins Auto gepackt und gesagt: „Lasst es uns sein lassen.“

Wieso haben sie es doch nicht sein lassen?

Niedecken: Mit meiner damaligen Freundin bin ich nach Griechenland gefahren. Und als wir abends am Strand auf der Gitarre geklampft haben, trafen wir einen Mann aus Köln: Bernd Odenthal, der später unser Keyboarder werden sollte. Der sagte: „Das sind tolle Songs. Da musst du unbedingt was draus machen.“ Ohne ihn wäre es damals vorbei gewesen.

Wie schwer ist Ihnen gefallen, das Buch zu schreiben, in dem es auch um den Missbrauch durch einen katholischen Priester geht?

Niedecken: Das war nicht so schwierig. Ich persönlich bin relativ heil da durchgegangen. Für mich hätte das Thema auch nicht noch einmal behandelt werden müssen. Aber viele andere haben darunter gelitten, dass es ein Tabuthema war. Ich habe die Sache schon vor 20 Jahren in einem Lied und einem Buch zur Sprache gebracht. Damals sind die Medien nicht darauf eingegangen. Es war eine andere Zeit, in der man sich an so etwas nicht rangetraut hat. Mittlerweile hat sich etwas ins Positive gedreht.

Manche Fragen sind dennoch dieselben. Wie kann man als Rockstar in Würde altern?

Niedecken: Try and error. Ich achte sehr darauf, mich nicht lächerlich zu machen. Berufsjugendliche kann ich nicht ab. Ich mache mich nicht extra hässlich, aber ich werde mir auch nicht die Haare tönen lassen. Wer es nicht mag, dass ich graue Strähnen habe, soll es sein lassen.

Die BAP-Tour heißt „Die Klassiker“. Fürchten Sie, dass die Fans nicht kommen, wenn Sie nur neue Lieder spielen?

Niedecken: Das ist auf jeden Fall ein Kriterium. Ein großer Prozentsatz unserer Fans will nicht jedes Album haben. Auf der anderen Seite gibt es Spezialisten, die sich nur neues und entlegenes Material wünschen. Einmal haben wir eine Greatest-Hits-Tour gemacht. Als ich die Plakate gesehen habe, hat sich bei mir alles zusammengezogen. Das ist wie bei den Radios, die nur das Beste von damals und heute spielen. Es ist vielleicht das Kommerziellste, aber mit Sicherheit nicht das Beste. An diesen Dreck darf man sich nicht gewöhnen. Wir sind eine klassische Rock’n’Roll-Band und spielen darum viele Songs, die nicht in den Charts waren.

Könnte es auch ein BAP-Konzert ohne „Verdamp lang her“ geben, ihren allergrößten Hit?

Niedecken: Den lassen wir nicht weg, weil er so gemocht wird. Und ich mag ihn auch. Einmal haben wir ihn aber tatsächlich nicht gespielt. Bei unserer China-Tour 1987 sollte das Lied unsere Zugabe sein, aber in China gibt es keine Zugaben. Nach dem letzten regulären Song sind alle nach Hause gegangen. China kennt „Verdamp lang her“ noch nicht.

Sie haben also noch ein Ziel mit BAP: China erobern.

Niedecken: Stimmt (lacht). Im Ernst: Wie es jetzt ist, könnte es für mich in alle Ewigkeit weitergehen. Wir können kontinuierlich weiterarbeiten, ohne dass jemand von der Plattenfirma sagt: „Ihr müsst jetzt aber noch diesen oder jenen Groove einbauen.“ Ein Marktforscher hätte jetzt längst die Blutgrätsche gemacht und mir geraten, unsere letzte Tournee anzukündigen. Aber so etwas ist furchtbar: Die Abschiedstournee ankündigen und dann doch wieder auf der Bühne stehen. Das kann man nur als Schlageraffe machen.

BAP: Halv su wild (Capitol/Emi).

Wolfgang Niedecken mit Oliver Kobold: Für ’ne Moment. Hoffmann und Campe, 527 Seiten, 24 Euro.

BAP treten am 11. Juni im Kulturzelt Wolfhagen auf. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.