„Ich nehme von jedem Geld“: Woody Allen im Interview

Fast schüchtern wirkt Woody Allen, als er von der PR-Agentin in das Pariser Hotelzimmer geschleust wird, wo er mit Journalisten über seinen neuen Film „To Rome With Love“ spricht, der am Donnerstag in die Kinos kommt. „Ich höre nicht mehr so gut“, sagt er zu Beginn und bittet darum, etwas lauter zu sprechen. Aber wenn er selbst zu reden beginnt, merkt man ihm seine 76 Jahre nicht an.

Mr. Allen, Sie haben einmal gesagt, dass Sie Manhattan nur ungern verlassen. In den letzten Jahren haben Sie in London, Barcelona, Paris und jetzt in Rom gedreht. Geht die Globalisierung auch an Ihnen nicht vorbei?

Woody Allen: Nein, ich reise eigentlich immer noch nicht gern, aber meine Frau liebt es. Sie ist ja sehr viel jünger als ich. Immer wenn sie etwas unternehmen will und denkt, dass ich dafür schon zu alt sei, spornt mich das an. Ob mich das jung hält oder mich ein paar Lebensjahre kostet - das wird sich zeigen.

Was hat Sie nun nach Rom verschlagen?

Allen: Ich habe immer Schwierigkeiten, meine Filme zu finanzieren, und Rom hat das Budget für den Film zusammengetragen. Sie haben mich angerufen und gesagt, wenn ich nach Rom käme, wären sie in der Lage, meinen Film zu finanzieren. Und ich dachte: Das ist perfekt. Rom ist eine wunderschöne Stadt. Ich war dort schon sehr oft. Es war keine Frage, dass ich das mache.

Das war noch zu Zeiten der Berlusconi-Regierung. Hatten Sie keine Skrupel?

Allen: Nein, ich nehme von jedem Geld, solange ich die Filme machen kann, wie ich es will.

Was macht für Sie das Leben im Rom von heute aus?

Allen: Die Stadt ist voller Aktivität. Die Straßen sind voll. Autos und Fußgänger wuseln durcheinander. Es ist laut. Man verläuft sich. Rom ist eine Stadt ohne Regeln. Das wollte ich im Film einfangen, indem ich möglichst viele Figuren und Geschichten hineinbringe.

Sie stehen auch selbst vor der Kamera – diesmal als Opern-Produzent, der dem Ruhestand zu entfliehen versucht. Sie sind nun 76 und drehen weiterhin einen Film pro Jahr. Haben Sie Angst, zur Ruhe zu kommen?

Allen: Ich habe Freunde, die sind pensioniert und fühlen sich sehr wohl. Sie gehen angeln, schauen sich Baseball-Spiele an, schlafen aus und spielen Karten im Park. Aber so ein Leben wäre nichts für mich.

Im Film setzen Sie sich auch mit den Folgen des Berühmtseins auseinander. Was hat sich seit Ihrem Film „Celebrity“ an dieser Kultur geändert?

Allen: Kaum etwas. Die Menschen idolisieren die Berühmtheiten immer noch auf eine vollkommen unverhältnismäßige Weise. Die meisten berühmten Menschen haben als Sportler, Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler oder Musiker etwas Besonderes vollbracht. Dennoch stehen ihre Privilegien in keinem Verhältnis zu diesen Leistungen. Es gibt keinen Grund, warum ich ohne Problem in einem Restaurant einen Tisch bekomme, während irgendein Lehrer oder Polizist abgewimmelt wird.

Wie wichtig ist es für Sie, durch Ihre Filme von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden?

Allen: Wenn ich mein Gesicht in einem Magazin sehe, blättere ich weiter. Ich habe noch nie eine Kritik zu einem meiner Filme gelesen, weil ich auf meine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ohnehin keinen Einfluss habe. Als Künstler sollte man sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Sie haben inzwischen 43 Filme gedreht. Wie blicken Sie zurück auf Ihr eigenes Werk?

Allen: Ich sehe mir meine Filme nie wieder an. Ich habe sehr viele Filme gemacht. Manche davon sind gut, manche weniger. Ich habe mich insgesamt ganz wacker geschlagen. Aber wenn man an Filme wie „Die Fahrraddiebe“, „Citizen Kane“ und „The Grand Illusion“ denkt, weiß ich genau, dass keiner meiner Filme mit diesen Meisterwerken mithalten kann. Vielleicht steckt in mir einfach nicht das Zeug zu einem solchen Meisterwerk.

Von Martin Schwickert

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