Der gebürtige Homberger Joachim Seidel über Mut, Musik und Männlichkeit

„Ich bin Punk im Kopf“

Frauen, Freundschaft, Punkmusik: Diese Themen treiben Joachim Seidels Romanhelden um, die in einer Zeitschleife der 80er-Jahre festhängen. Sein Roman „Himbeertoni“ ist ein Buch über kleine Jungs, die in den Körpern von Mittvierzigern gefangen sind - und die panische Angst vorm Erwachsenwerden haben.

Mein bester Freund hat gesagt, ich dürfte Ihren Roman auf keinen Fall besprechen. Als Frau würde ich ein Männerbuch sowieso nicht verstehen. Ist es tatsächlich eines?

Joachim Seidel: Na ja, zumindest dachte ich das am Anfang. Jetzt aber wird es sogar in der „Gala“ als Nummer 1 unter den „Worauf wir uns freuen“-Tipps gelistet. Ich muss mich also selbst revidieren. Aber ich merke auch bei meinen Lesungen, dass es vor allem die Frauen sind, die sich kaputtlachen.

Über Kerle, die zusammenhocken, Bier trinken, von ihrer Band schwärmen, die es seit 25 Jahren nicht mehr gibt, und der Kraft der Vergangenheit erliegen?

Seidel: Über Kerle, die einfach Angst vor dem Erwachsensein, vor Verantwortung und Konsequenzen haben. Alle Frauen kennen solche Typen, die eine große Klappe haben, aber zu genauso großen Schissern werden, sobald das Leben auf sie zukommt.

Das Leben kommt in Ihrem Buch tatsächlich sehr geballt daher: Es geht ums Kinderkriegen, Sex, Drogen, Punkmusik. Sind Sie mit knapp 50 immer noch Punker?

Seidel: Ja, klar! Ich bin ein leidenschaftlicher Punk im Kopf. Punk bedeutet für mich nicht, dass man null Bock auf gar nichts hat. Punk bedeutet das Ausbrechen aus Konventionen. Das ist heute noch ein Lebensgefühl für mich.

Das ist auch das Lebensgefühl Ihrer Hauptfigur Himbeertoni. Er weigert sich konsequent, sich auch nur auf eine einzige Konvention einzulassen.

Seidel: Aber der Charakter wandelt sich. Seine Angst, den Ansprüchen des Lebens, seiner Freundin, des Vaterwerdens nicht gerecht zu werden, löst sich auf. Auch Männer sind manchmal lernfähig.

Also ist es ein Entwicklungsroman.

Seidel: Ja, genau. Die Hauptfigur ist anfangs in ihrer Hilflosigkeit gefangen. Dann entwickelt sie sich auf der Suche nach dem Glück weiter, erlebt die Brüchigkeit des Seins und überwindet viele Hindernisse.

... auch so schmerzhafte wie gebrochene Geschlechtsteile. Das ist nun wahrlich nicht der Stoff für den großen Frauenroman.

Seidel: Aber notwendig, um die Gebrochenheit der Hauptfigur zu verdeutlichen. Ich wollte ja nichts Hässliches oder Brutales schildern. Ich wollte vielmehr zeigen, dass man als Mann nicht tiefer fallen kann, wenn man seiner Männlichkeit beraubt ist und dennoch seinen Mann in jeder Hinsicht „stehen“ soll.

Eigentlich hätte man ja mit so was rechnen müssen. Im Klappentext steht klar und deutlich: „Seidel erzählt aberwitzig und anarchisch.“

Seidel: Anarchisch meint da nur einen Ausdruck für ein anderes Denken. Meine Figur sucht das Glück – und damit ist nicht Geld, Geld, Geld gemeint. Das ist ja vielen Menschen gar nicht mehr geläufig, dass Glück nicht Geld meint. Am Ende findet Toni ja auch sein Glück. Und stellt zu seinem großen Erstaunen fest, dass die verzweifelte Suche danach noch viel anstrengener ist als das Erwachsenwerden selbst.

Haben Sie Ihr Glück gefunden?

Seidel: Sagen wir, ich habe eine große Zufriedenheit gefunden. Seitdem meine beiden Kinder auf der Welt sind, erlebe ich eine Bereicherung und eine Grundgelassenheit, die ich zuvor nicht kannte. Ich kann heute viele Widrigkeiten ertragen. Ich denke, das ist eine Form von Glück. Aber mal was anderes: Haben Sie nun eigentlich mein Buch verstanden?

Nach diesem Gespräch schon. Glaub ich zumindest. Joachim Seidel: Himbeertoni, Piper, 215 Seiten, 8,95 Euro, Wertung: !!!::

Von Claudia Brandau

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