Interview mit Ulrich Tukur

„Ich schreibe nicht für die Nachwelt“

Ulrich Tukur

Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys kommen am 6. Dezember für ein Konzert nach Kassel. 

 

Auf die Reise ins mondbeschienene Herz der Musik machen sich Schauspieler, Autor und Musiker Ulrich Tukur und seine Band, die Rhythmus Boys, am 6. Dezember in Kassel. „Grüß‘ mir den Mond!“, ist der Titel des Programms mit Swing-Klassikern, Schlagern und Eigenkompositionen. Ein Gespräch über den Mond, den Schlaf und die Sprache.

Herr Tukur, glauben Sie an den Mann im Mond?

Ein Fabelwesen, das uns nächtens durch die Seele spaziert und auf der dunklen Seite des Trabanten lebt? Wieso nicht. Ich glaube, der Mond ist – wie viele andere Dinge – nicht nur das, was wir sehen, sondern viel mehr. Matthias Claudius schreibt im zweiten Vers des Gedichts „Der Mond ist aufgegangen“: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen.“ Ist das nicht toll?!

Sie sind auf Lesetour, geben Konzerte. Wie ist Ihr Verhältnis zum Schlaf?

Wenn man so viel auf Achse ist wie ich, ist es wichtig, ein gutes Verhältnis zum Schlaf zu haben. Wäre ich nicht in der Lage, mich jederzeit auf einen Fußboden zu legen und dort in einen 15-minütigen Tiefschlaf zu fallen, hätte ich nicht durchgehalten.

Was macht der Mond mit Ihnen?

Der Mond hat mich immer fasziniert. Er ist wunderschön. Die Mondnächte, die ich genießen durfte, zumal in der nördlichen Toskana, wo ich auf tausend Meter Höhe einen Bauernhof besitze, sind spektakulär. Seitdem unser Trabant 1969 von den Amerikanern betreten wurde, hat er allerdings etwas von seinem Geheimnis verloren.

Packte Sie die Entdeckerlust, als Sie auf die Suche nach Mond-Musik gingen?

Ich brauchte ein Thema. Unsere Auftritte hatten immer einen roten Faden. Natürlich ist es ein Konzert, aber auch ein Abend voller Poesie – eine musikalische Reise, die mondsüchtig macht.

Musikalisch geht Ihre „Grüß mir den Mond“-Reise in die 20er -und 30er-Jahre. Wie stehen Sie zur modernen Popmusik?

Indifferent. Es gibt Popmusik, die ich mag, aber die ist in der Regel nicht deutsch. Die Franzosen machen es gut, komplexer. Aber meine Klangwelt ist Jazz und Swing. Ich liebe Melodien. Und die fehlen mir in der Popmusik. Ich will ja ein Lied auch mal unter der Dusche singen können. Oder, wenn ich im Licht des Mondes spaziere.

Sie beschäftigen sich mit Werken verstorbener Musiker. Sollen auch Ihre Werke ewig bestehen?

Nein, ich bin im Hier und Jetzt. Wenn ich es schaffe, Zuschauer in diesem Leben ein wenig zu verzaubern und ihr Leben ein bisschen zu erleichtern, habe ich erreicht, was ich wollte. Ich schreibe nicht für die Nachwelt.

In welcher Kunst fühlen Sie sich am wohlsten?

In der Musik. Ich hatte das Glück, in ein rechtschaffenes, bürgerliches Elternhaus hineingeboren zu werden. Wir mussten Klavier lernen. Ich bin drangeblieben, weil ich sehr schnell den Jazz für mich entdeckte. Und über die Musik bin ich zum Theater gekommen. Mit Melodie und Rhythmus fing es an.

Sind Sie ein optimistischer Mensch, was die Entwicklung der Kultur angeht?

Ich glaube nicht, dass unsere Kultur morgen untergeht. Aber natürlich reißt die virtuelle Welt ihr Maul auf und fängt an, uns alle in sich einzusaugen. Das macht mir Sorgen. Mir macht auch Sorgen, dass unsere Sprache immer mehr verkümmert.

Kennen Sie Yolo?

Das höre ich zum ersten Mal.

Es steht für: „You only live once“ – Jugendwort 2012.

Interessant. Ich finde, Sprache ist etwas Wunderschönes. Sie generiert Gedanken. Es gibt nichts Schöneres als ein Gedicht, das kaum zu fassende Seelenzustände auf einen poetischen Punkt bringt. Wenn man das alles aus der Hand gibt, begibt man sich in die seelische Verarmung.

Der Edersee-„Tatort“ war 2010 der erste Fall für Felix Murot. Erinnern Sie sich an die Dreharbeiten?

Natürlich, es war der erste und einer der besten, die wir gedreht haben. Der Edersee war fast abgelassen und man glaubte in einem anderen Land zu sein, in den Bergen Afghanistans vielleicht. Es war ein würdiger Start.

Geht es mit Murot weiter?

Ja, wir bereiten gegenwärtig „Tatort“ Nummer zehn vor und einer befindet sich noch in Wartestellung. Er heißt „Die Ferien des Monsieur Murot“, was auf Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot“ anspielt. Es ist eine eher stille, kuriose Geschichte. Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, 6.12., 20 Uhr, Opernhaus Kassel, Karten: 0561/10 94 222.

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