Die Sängerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg über ihr neues Album

„Ich mag Vorsicht nicht“

Charlotte Gainsbourg befindet sich am anderen Ende der Welt, als wir mit ihr sprechen. Die Tochter der Schauspielerin Jane Birkin und des Komponisten Serge Gainsbourg hält sich gerade im australischen Brisbane auf, wo sie das moderne Märchen „The Tree“ dreht. Zuvor jedoch hat die 37-Jährige mit Beck („Loser“) ihr zweites Album „IRM“ aufgenommen. Wieder singt sie in englischer Sprache, doch verglichen mit dem 2006 erschienenen Debüt „5:55“ ist die Platte weniger chansonlastig, sondern rhythmisch, abwechslungsreich und folkrockig geworden.

In Ihrem letzten, von Lars von Trier inszenierten Film „Antichrist“ geht es sehr heftig zur Sache. Seelisch und körperlich entblößen Sie sich völlig, nicht zuletzt bei den expliziten Sexszenen mit Willem Dafoe.

Charlotte Gainsbourg: In „Antichrist“ ging ich körperlich und mental an meine Grenzen, keine Frage. Die Erfahrung war aber wundervoll, ich liebte jeden Tag, ich liebte selbst die Extreme, all das Leid, das meine Figur durchleben muss. Das war alles so neu und so spannend für mich. Mich hat diese Arbeit wirklich befreit. Ich verlor total meine Schüchternheit.

Sie haben Ihr Album „IRM“ mit Beck geschrieben und aufgenommen. Kann man die Zusammenarbeit mit dem Pop-Exzentriker und die mit dem Film-Wahnsinnigen vergleichen?

Gainsbourg: Diese beiden Männer verkörpern zwei sehr unterschiedliche Welten. Wobei ich denke, dass mir die Arbeit mit Lars von Trier geholfen hat, „Antichrist“ war quasi mein Gepäck, als ich bei Beck in Los Angeles aufschlug. In Gedanken schweifte ich immer wieder zwischen Beck und Lars hin und her.

„IRM“ ist die französische Abkürzung für „Kernspintomographie“. Das müssen Sie erklären.

Gainsbourg: Ich hatte ein Jahr vor Beginn der Arbeit mit Beck einen schweren Unfall. Beim Wasserskifahren zog ich mir eine Hirnblutung zu. Im Krankenhaus sagte man, mein Leben sei in Gefahr. Ich weiß gar nicht, wie häufig man mich in den Tomographen geschoben hat. Als ich dort lag, kamen mir die ersten Ideen für dieses Album. Ich wollte das Geräusch des Gerätes unbedingt in einem der Songs haben. Und dann baute sich das Album nach und nach um dieses Grundthema „Leben und Tod“ auf.

Haben Sie Ihr Leben nach dem Unglück geändert? Verzichten Sie auf Wasserski?

Gainsbourg: Meine Familie hat mich angefleht, nie wieder Wasserski zu fahren. Aber ich muss das tun. Ich bin nicht vorsichtiger geworden. Ich mag Vorsicht nicht.

Songs wie das wundervoll melodische „Heaven can wait“ oder „In the End“ handeln vom Tod.

Gainsbourg: Ich wollte meine Traumata besichtigen auf dieser Platte und erkennen, was falsch läuft mit mir. Die Platte musste aufrichtig sein, und klar, das ist schon egozentrisch, wenn man ständig über die Themen singt, die einen selbst bewegen. Aber was soll ich sonst machen?

Werden Sie dieses Mal auch live auftreten?

Gainsbourg: Das ist der Plan. Beck stellt gerade eine Band zusammen, mit der werde ich wohl auf Tour gehen.

Sie sind in Frankreich sehr berühmt. Werden Sie ständig von den Medien beobachtet?

Gainsbourg: Nein, ich habe ein sehr ruhiges Leben. Zum Glück! Ich bin nicht Carla Bruni, das würde ich nicht aushalten, so in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich lebe immer noch im selben Viertel, in dem ich geboren wurde, die ganze Nachbarschaft ist sehr freundlich und alteingesessen. Alles ist sehr friedlich. Ich liebe das normale Leben. Es gibt nichts Schöneres, als die Kinder morgens zur Schule zu bringen und anschließend über den Markt zu schlendern und fürs Abendessen einzukaufen.

Charlotte Gainsbourg: IRM (Warner). Wertung: !!!!:

Von Steffen Rüth

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