Dorothea Viehmann und die Brüder Grimm in einer Ausstellung in der Sparkasse

Idealbild der Märchenfrau

Biografie und Märchen: Scherenschnitt von Luise Neupert mit Dorothea Viehmann und den Grimms. Foto: Fröhlich

Kassel. Die Vorrede zum zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen machte sie weltberühmt: „Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin, hat ein festes und angenehmes Gesicht, blickt hell und scharf aus den Augen, und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen“, schrieb Wilhelm Grimm 1815 über die Niederzwehrener Schneidersfrau, der die Brüder rund 40 ihrer Märchen verdankten. Zum 200. Jubiläum der Kinder- und Hausmärchen würdigt die Brüder-Grimm-Gesellschaft diese fruchtbare Verbindung mit einer Ausstellung in der Kasseler Sparkasse.

Während andere Zuträgerinnen der Grimms dem Bürgertum und Adel entstammten, entsprach die „Viehmännin“ weitgehend ihrem Ideal einer bäuerlichen Märchenerzählerin. So konnte Wilhelm von den „ächt hessischen“, unverfälscht aus dem „Grund der Volksdichtung“ emporgewachsenen Märchen schwärmen - ein Urteil, das die Forschung inzwischen zumindest relativiert hat. Katharina Dorothea Viehmann (1755-1815) führte ein einfaches Leben, war aber durchaus gebildet und von französischer ebenso wie von deutscher Kultur beeinflusst.

Die Ausstellung arbeitet weitgehend mit Reproduktionen - von großformatigen Märchenillustrationen, die den Besucher beim Betreten der Eingangshalle empfangen, über Faksimiles der Grimm’schen Handexemplare bis hin zu zahlreichen Porträts. Natürlich sieht man das bekannte Viehmann-Bildnis von Ludwig Emil Grimm, aber auch weniger Bekanntes, etwa eine Illustration zu „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ von Maurice Sendak, dem kürzlich verstorbenen Schöpfer des Kinderbuch-Klassikers „Wo die wilden Kerle wohnen“. An vielen Beispielen wird das im 19. und frühen 20. Jahrhundert inflationär auftretende Bildmotiv der idealtypischen Märchenerzählerin vor Augen geführt - ein Motiv, für das die Märchenfrau der Grimms ein Prototyp war.

Näher an der Realität ist eine neuere Serie von Buchillustrationen von Maren Briswalter, die viel Kasseler Lokalkolorit einfangen. Biografie und Märchen mischen sich in den im Original gezeigten, filigranen Scherenschnitten Luise Neuperts. Hier sitzt die „Viehmännin“ mit den Brüdern am Kaffeetisch, und dem Dunkel ihrer Silhouetten entsteigen Froschkönig und gestiefelter Kater.

Bis 6. Dezember, Kasseler Sparkasse, Wolfsschlucht 9, Mo, Mi, Fr 9 -16, Di und Do 9 - 18 Uhr.

Von Fabian Fröhlich

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