HP Riegel stellte eine Immendorff-Biografie vor

Ideen nur gestohlen

HP Riegel Foto:  Angerstein

Göttingen. Er sei „schon froh, dass mir nix entgegenfliegt“, beginnt HP Riegel die Vorstellung seiner Biografie des Malers Jörg Immendorff beim Göttinger Literaturherbst. In Düsseldorf habe es bei der Vorstellung des Buches „Tumulte“ gegeben, Leute hätten des Saals verwiesen werden müssen, als „Vatermörder“ und „Nestbeschmutzer“ sei er beschimpft worden.

In Göttingen, wo derartige Tumulte ausbleiben, will Riegel erleichtert wirken, wirkt aber eigentlich etwas enttäuscht. Also erklärt er sein Anliegen noch mal: „Nüchtern, faktisch, deskriptiv“ will er „Distanz ergreifen“ und das „schöngefärbte“ Bild des „Malerfürsten“ relativieren. Und beginnt die Lesung mit dem Hinweis, dass es Druck seitens der Anwälte von Immendorffs Witwe gegeben habe. Er stockt oft, verhaspelt sich, wirkt unsicher.

Was aber trotz aller Straffung und dem Hin- und Herspringen in der Biografie deutlich wird, ist verheerend. Der Mensch Immendorff kommt nicht gut weg. Ein gnadenloser Opportunist sei er gewesen, ein Scharlatan, unpolitisch, unintellektuell, geldgierig sowieso, und seine Ideen hätte er von anderen gestohlen. „Es ging ihm nur um den Ruhm“, so Riegel, und gemalt habe er nur sein „privates Welttheater mit ihm selbst in den Haupt- und Nebenrollen“.

Dass viele einer Täuschung erlegen seien und Immendorff ihnen als „politischer Künstler“ und gar als „visionärer Historienmaler“ galt, das sei jetzt, nach dem Erscheinen von Riegels Biografie, „kein einfacher Weg für die Kunstkritik“. Es wirkt schon abschreckend, was Riegel erzählt, von linken Splittergruppen zum Kanzlerporträtisten, dazu das proletenhafte Gehabe, die teuren Frauen, die Halbwelt und das Kokain. Und trotzdem haben „viele Leute dem geglaubt“.

Problematisch ist nur, dass der Werbefachmann Riegel als Immendorffs langjähriger Assistent am Entstehen des „kalkulierten Bildes eines taffen Kunstfighters“ mitgewirkt hat. Und dass trotz aller Beteuerungen, er habe nur „die falsche Sicht auf sein Oeuvre“ richtigstellen wollen, auch Riegels Enttäuschung, Neid und Gekränktsein durchschienen. HP Riegel: Immendorff. Die Biografie. Aufbau-Verlag, 399 Seiten, 24,95 Euro.

Von Udo Angerstein

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