Das Iglu als Fluchtpunkt: Der Berlinale-Eröffnungsfilm

Erschöpft: Josephine (Juliette Binoche, links) und Allaka (Rinko Kikuchi) müssen im Iglu auch noch ein Baby durchbringen. Foto: Berlinale

Eine Frau mit langen Röcken liegt flach im Schnee und schießt einen Eisbären.

Bei einem Eisberg löst sich eine Lawine und fällt stiebend, krachend in die Tiefe, von so Nah gefilmt, dass sich beim bloßen Betrachten Schwindel und das Gefühl kompletter Orientierungslosigkeit einstellen. Es gibt keine Bezugspunkte, alles fällt in sich zusammen.

Diese beiden Bilder, die am Anfang von Isabel Coixets Arktisdrama „Nobody wants the Night“ stehen, spiegeln bereits den Kern des Films, der die Internationalen Filmfestspiele am Donnerstagabend eröffnet hat. Er erzählt von der Hybris des westlichen Menschen gegenüber der Natur. Vom Anspruch, sich noch die abweisendste Region der Welt untertan zu machen und darauf zu beharren, mit seiner sogenannten Zivilisation den Ureinwohnern überlegen zu sein - angesichts der Tücken von Eis, Sturm und Kälte eine wahnwitzige Fehleinschätzung.

Und er erzählt von zunehmender Desorientierung, verengt den Blick von der Weite des arktischen Eises ins Rund eines Iglus und schließlich unter die Fellkapuze eines verlöschenden Menschenlebens.

Die katalanische Regisseurin („Elegy“, „Mein Leben ohne mich“), Stammgast der Berlinale, erzählt die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte jener Josephine Peary (Juliette Binoche), die sich 1908 in die Arktis aufmacht, um nach ihrem Mann zu suchen, der als Erster den Nordpol entdecken will.

Weil der Winter naht, rät Polarexperte Bram (Gabriel Byrne) der forschen Bildungsbürgerin ab - ohne Erfolg. Schließlich erreicht sie weitab jeder Ansiedlung eine Hütte, wo sie auf ihren Mann warten will und der ebenfalls wartenden Inuitfrau Allaka (Rinko Kikuchi) begegnet, die diesem Mister Peary nähersteht, als es ihr lieb ist.

Die Frauen müssen nun einen Winter lang miteinander auskommen und schließlich noch ein Baby versorgen. Josephine mit ihrer unendlichen Anspruchshaltung belächelt zunächst Allakas Gleichmut und versucht, Allaka mit unhinterfragter Ichbezogenheit ihre Welt nahezubringen. Bis sie - in einer recht vorhersehbaren Wandlungsdramaturgie - schmerzhaft ihre Lektion lernt. Coixet setzt da zu sehr auf einen pathos-satten Erzählgestus mit besonders zum Schluss hin arg viel Moral.

Wo der Film trotzdem überzeugen kann, ist in der Darstellerleistung und in der bemerkenswerten Bildgestaltung. Die Kamera nimmt einen extrem subjektiven Fokus ein, ist den Robbenfellstiefeln auf den Fersen, rückt nah an das schwache Feuer im Iglu, und als auch das verglimmt, blickt sie im ewigen Dunkel der Polarnacht zugleich direkt in die ur-menschliche Angst.

Von Bettina Fraschke

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