Die Indie-Rock-Band Tocotronic im Kasseler Musiktheater

Ihre Liebe tötet nicht

Dröhnende Gitarren-Feedbacks und Chansonhaftes: Dirk von Lowtzow und Tocotronic sind vielseitig geworden. Foto: Schachtschneider

Kassel. Für ein Rockkonzert ist es eine ungewöhnliche erster Zeile, die Dirk von Lowtzow singt. „Eure Liebe tötet mich“, haucht der Tocotronic-Sänger beim Auftritt im Kasseler Musiktheater mit dunkler Stimme.

Na ja, denkt man, so bedrohlich kann die Liebe der Fans nicht sein. Schließlich waren bei vergangenen Auftritten der Hamburger Band doch deutlich mehr Anhänger da als die 550 an diesem Donnerstag.

Vielleicht liegt es am aktuellen Album „Schall und Wahn“, das etwas sperrig geworden ist im Vergleich zu den acht großartigen Vorgängern. Das Eröffnungsstück „Eure Liebe tötet mich“ etwa zieht sich mit dröhnenden Gitarren-Feedbacks acht Minuten lang dahin. Es scheint, als wollten Tocotronic die Liebe ihrer Fans auf eine harte Probe stellen.

Aber dann wird es doch ein sehr schöner Abend, und diejenigen, die da waren, werden denen, die zuhause geblieben sind, später sagen: Schade, dass ihr nicht da wart. Tocotronic, die (auch wenn es bescheuert klingt) in den 90ern die deutschen Nirvana waren und unzählige Gitarrenrockbands inspirierten, spielen vor allem ihre älteren Songs.

90 Minuten lang kann man noch einmal erleben, wie sich diese vom Postpunk sozialisierte Band entwickelt hat: von den sloganhaften Liedern der Anfangszeit wie „Die Welt ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, das von Lowtzow als „Desillusions-Roman“ ankündigt, über die immer undurchdringlicher werdende Lyrik von Liedern wie „Jenseits des Kanals“ bis zu den ausgefeilten Songstrukturen der jüngsten Alben, die von Rick McPhails flirrender Gitarre bestimmt werden.

Ironische Protestsongs

Ihre Protesthaltung haben Tocotronic trotz des musikalischen Wandels nicht aufgegeben. Den größten Jubel erntet der Song „Freiburg“ aus dem Jahr 1995, in dem von Lowtzow gegen das heimelige Studentenbiotop seiner Heimatstadt ansingt. Ebenso ironisch ist auch das 15 Jahre jüngere „Macht es nicht selbst“, in dem es um den Selbstverwirklichungswahn der Facebook-Generation geht. „Gegen etwas sein ist ganz wichtig“, hatte von Lowtzow uns zuvor im Interview erklärt.

Trotz allen Dagegenseins hat der 39-Jährige gute Manieren. Nach jedem Stück bedankt er sich mit bedeutungsschwangerer Betonung für den Applaus, manchmal verneigt er sich sogar. Am Ende ertönt vom Band wie nach jedem Tocotronic-Konzert der Chanson „Die großen weißen Vögel“ der deutschen Sängerin Ingrid Caven. „Weit draußen auf dem Meer / erklingt ein Lied von Wiederkehr“, singt die ehemalige Fassbinder-Schauspielerin. Es ist ein ungewöhnliches Ende für ein Rockkonzert. Hoffentlich kehren sie bald nach Kassel zurück, die großen weisen Vögel des Indie-Rock.

Von Matthias Lohr

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