Gebürtige Kasselerin

Kommune, Geiselnahme und Symbiose: Zum Tod von Jutta Winkelmann

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Jutta Winkelmann wurde 67 Jahre alt.

Kassel. Jutta Winkelmann ist am Donnerstag mit 67 Jahren gestorben. Winkelmann und Gisela Getty, die Kasseler Zwillingsschwestern, gelten als Ikonen der 68er-Bewegung.

Es ist so schwer zu sterben“, sagte Jutta Winkelmann vor wenigen Wochen dem Magazin „stern“: „Erst wenn man die Angst überwunden hat, ist alles leicht.“ Sie glaube, so die 67-Jährige, mit dem Tod werde alles schöner: „Dass man definitiv zum neuen Leben kommt.“ Und: „Ich würde Ihnen gerne erklären, dass das Nichts nicht nichts ist“.

Ihre Zwillingsschwester Gisela Getty - die beiden wurden 1949 als Gisela und Jutta Schmidt in Kassel geboren - berichtete im gleichen Gespräch von Winkelmanns irrsinnigen Schmerzen durch den Knochenkrebs, von Ängsten und Albträumen: „Wie beim Jüngsten Gericht muss offenbar alles durchgegangen werden.“

Öffentliches Sterben

Jetzt hat es Jutta Winkelmann überstanden. Am Donnerstag ist die 67-Jährige in München gestorben. Es war nur konsequent, dass sie - im Buch „Mein Leben ohne mich“, das von der Krankheit abschnittweise als Graphic Novel erzählt - ihr Sterben so öffentlich machte wie ihr Leben. Davon erzählten die Zwillinge 2008 in ihrer mit dem Kasseler Jamal Tuschick verfassten Autobiografie atem- wie schonungslos.

Jutta Winkelmann (1949-2017).

Dieses Leben wird gern unter den Schlagworten Hippie- oder 68er-Ikone zusammengefasst: der frühe Aufbruch aus dem Nachkriegskassel, das offener gewesen sei als andere Provinzstädte, wo sie an der Werkkunstschule studierten und als Fotomodelle auffielen. „Kassel ist ein reicher, magischer Hintergrund“, sagten die Zwillinge 2008.

Hier wurzelten die Gier nach Freiheit und Intensität, die unbändige Neugier auf Entdeckungen, es folgten Begegnungen und Affären, ob mit Bob Dylan oder Dennis Hopper, Regisseur Federico Fellini oder LSD-Befürworter Timothy Leary, Drogen, der Wunsch, außerhalb jeder Sicherheit ein neues Leben zu erfinden, eine alternative Welt zu erschaffen, die frühen Ehen: die zweifache Mutter Jutta mit einem Kunsterzieher und dem Filmemacher Adolf Winkelmann, Gisela heiratete dreimal, darunter Schauspieler Rolf Zacher und Milliardärsenkel Paul Getty, dem 1973 bei einer Entführung ein Ohr abgeschnitten wurde.

Opfer einer spektakulären Entführung: Paul Getty, eingerahmt von Gisela Getty (l.) und Jutta Winkelmann.

Inszenierte Geiselnahme?

„Das ist noch immer die große Frage“, kommentierte Gisela Getty im „stern“ etwas rätselhaft die Spekulation, die Geiselnahme könne inszeniert gewesen sein. Zumindest hatte man mit dem Gedanken gespielt, es gab dunkle Mafia-Kontakte, man träumte von einem Schloss in Marrakesch für eine Kommune: „Paul ging wohl davon aus, dass er die Sache im Griff hat.“ An eine Inszenierung glaubte auch Großvater Getty, der dann doch sieben Millionen D-Mark für die Freilassung zahlte. Sein Enkel starb 2011, blind und gelähmt nach einer Überdosis Drogen.

Sinnsuche, Selbstverwirklichung und -erforschung, die Vision eines irdischen Paradieses und der Wunsch nach innerem Frieden, Heilung und Erleuchtung gehörten zusammen. Wie qualvoll dieses Bemühen sein konnte, zeigte Severin Winzenburg, als er seine bereits erkrankte Mutter, den Ex-Kommunarden Rainer Langhans und weitere Frauen aus dessen ironisch „Harem“ genannter Lebensgemeinschaft für den Film „Good Luck Finding Yourself“ in einen indischen Ashram begleitete.

Alt gewordene Blumenkinder: Rainer Langhans und Jutta im Film „Good Luck Finding Yourself“.

Gespräch mit unserer Zeitung

2008 sprachen Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Interview mit dieser Zeitung, vor deren Werkstor sie mal kommunistische Flugblätter verteilt hatten, über ihre ungeheuer dichte, teils fast märchen- und dann wieder alptraumhafte Lebensbeschreibung. „Wir sind die Kinder Hitlers“, sagten sie damals und dass das die antreibende Kraft war, sich ein neues, liebevolles Leben zu erfinden. Es war so etwas wie eine lichtdurchflutete Vision von Schönheit für unseren Planeten, die sie, die sich als „Götterkinder“, als „Engel einer hellen Zukunft“ empfanden, zu leben versuchten - verbunden auch mit viel Blumenkinder-Naivität und -Leichtfertigkeit.

Symbiotische Beziehung: Kinderbild aus Kassel.

Im Gespräch waren ihre Stimmen kaum zu unterscheiden - die Zwillinge selbst mussten später die abgetippten Passagen zuordnen. Als „unverbrüchliche Doppelexistenz“ empfanden sie ihre symbiotische Beziehung, die Segen und Fluch war. Gisela nennt ihre Schwester „die liebste Person auf der Welt“, doch hätten sich beide nach Individualität gesehnt. Mit ihrem Krebstod gehe Jutta konsequent ihren eigenen Weg: „Sie schmeißt mich auf mich zurück. Das ist jetzt die große Trennung.“

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